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Recyclingfähige Kunststoffverpackungen – Wie weit sind wir?

Viele Fragen und intensive Diskussionen auf dem 8. Inno-Meeting in Osnabrück zum großen Themenkomplex "recyclingfähige Kunstststoffverpackungen" (Quelle: Innoform)

Verpackungen aus Kunststoff stehen in der Kritik, obwohl sie bei Produktschutz, Ressourcenschonung und Klimaschutz oftmals die erste Wahl sind. Nachholbedarf hat das Material allerdings in puncto Kreislaufführung. Doch man ist auf einem guten Weg: Moderne Kreislaufwirtschaft von Kunststoffverpackungen funktioniert mit mechanischem Recycling und kann künftig mit neuen chemischen Recyclingtechnologien ergänzt werden.

Allerdings rufen Umweltverbände zum Plastikfasten auf, wobei hier die Frage erlaubt sein sollte, warum eigentlich nicht auch andere Verpackungsmaterialen eingespart werden sollen. Schließlich machen Kunststoffverpackungen nur rund 17 Prozent des gesamten Verpackungsabfalls aus.

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Unter dem Dache der IK Industrievereinigung Kunststoffverpackungen e. V. hat sich die deutsche Kunststoffverpackungsbranche zwei konkrete Ziele zur stärkeren Kreislaufführung gesetzt:
• 1 Million Tonnen Recyclingmaterial für Kunststoffverpackungen bis 2025
• Mindestens 90% der Haushaltsverpackungen sind recycling- oder mehrwegfähig bis 2025
Mit diesen Zielen möchte der Verband einen Beitrag zu einer nachhaltigen Kunststoffverpackungs-Strategie leisten und in der emotional negativ aufgeladenen Diskussion ein Zeichen gegen die pauschale Verurteilung von Kunststoffverpackungen setzen.

Doch wie sieht das konkrete Handeln in der Praxis aus, um die geforderten Nachhaltigkeits- und Klimaziele zu erreichen. Auf dem 8. Inno-Meeting in Osnabrück, das unter dem Motto „Handeln“ stand, diskutierten Vertreter aus der gesamten Wertschöpfungskette der Verpackungsindustrie über die aktuelle Situation und zukünftigen Entwicklungen der Kunststoffverpackung. Die Referenten schilderten die spezifischen Herausforderungen, Anstrengungen und Lösungen, um die gesetzten Ziele zu erreichen und gleichzeitig die über viele Jahrzehnte gewonnenen Erfolge der Kunststoff-Verpackungen zu bewahren.

Eine geeignete Verpackung kann helfen diese Verluste zu reduzieren
(Quelle: Hochschule Albstadt-Sigmaringen)

Klimaneutrale Verpackungen

„Verpackungen sind für die Produktsicherheit und Markenwahrnehmung unverzichtbar. Sie stellen in der Regel die häufigste Kontaktfläche zwischen Marke und Verbraucher dar“, so Walter Pohl (Climate Partners) in seinem Vortrag. Daher ist es umso wichtiger, dass Unternehmen über die Verpackung ihre Klimaschutzaktivitäten sichtbar machen. Der Nutzen für die Verpackungshersteller liegt dabei auf der Hand: Sie sind es, die es ihren Kunden ermöglichen, durch den Einkauf von klimaneutralen Verpackungen auf ihr Klimaschutzengagement hinzuweisen. Die Verpackungen oder Produkte sind mit dem Label „klimaneutral“ gekennzeichnet und der Emissionsausgleich lässt sich über eine eindeutige ID-Nummer transparent nachvollziehen. Die Kosten für einen CO2-Ausgleich sind außerdem äußerst gering. In der Regel betragen sie etwa ein Prozent der eigentlichen Produktionskosten.

„Unsere Primär- und Sekundärpackmittel sind mit dem Siegel von Climate Partners für die Klimaneutralität unserer Produkte und unseres Unternehmens sowie mit dem Siegel von Plastic für die Plastikneutralität in Bezug auf unsere Produktverpackungen gekennzeichnet“, sagt Heiko Hünemeyer, Inhaber des Unternehmens Schaeben, der in Deutschland Marktführer bei Gesichtspflegeprodukten ist. „Darüber hinaus sind unsere Trays, in denen die meisten unserer Produkte am Point of Sale angeboten werden, als Sekundärpackmittel neben diesen beiden Siegeln und den dementsprechenden Aussagen zusätzlich mit einem von uns selbst entwickelten Siegel für „0 % Mikroplastik“ versehen.“

Karsten Schröder, Moderator und Organisator des 8. Inno-Meetings
(Quelle: Ansgar Wessendorf)

Entgegen vieler anders lautender bzw. negativer Erwartungshaltungen schätzt Heiko Hünemeyer die Zukunft der Kunststoffverpackungen als ausgesprochen positiv ein. Es gilt dabei zu differenzieren zwischen einem öffentlichen Meinungsbild, das aktuell eindeutig gegen Kunststoffspricht, und den Tatsachen, die eindeutig für Kunststoff sprechen. Wenn die Entsorgung und das Recycling von Kunststoffverpackungen verbessert sowie Optimierungspotenziale, wie z. B. durch die Rezyklatinitiative von dm-Drogeriemarkt, erfolgreich genutzt und umgesetzt werden, ist und bleibt Kunststoff für viele Verpackungsvarianten ein herausragend gut geeigneter Rohstoff.

WWF und Edeka

Wissen generieren, Wissen teilen, Märkte verändern – das ist die Mission der Edeka-Partnerschaft mit dem WWF. Im Rahmen ihrer gemeinsamen Nachhaltigkeitsstrategie arbeiten der WWF und Edeka seit zehn Jahren daran, den ökologischen Fußabdruck von Edeka auch im Verpackungsbereich zu optimieren. Welche Erwartungen der WWF an Unternehmen stellt, und wie eine gelungene Nachhaltigkeitsstrategie einschließlich den Eigenmarken gemeinsam umgesetzt werden kann, erläuterte Dr. Marina Beermann, WWF-Leiterin der Edeka-Partnerschaft. Dabei hat der Verzicht von Verpackungen oberste Priorität.

Der Ressourceneinsatz für die Produktion nicht vermeidbarer Verpackungen muss auf Effizienz und Effektiv ausgelegt sein. Die Verpackung ist kein Abfallprodukt, sondern eine wertvolle Rohstoff-Ressource, die möglichst lange in den Stoffströmen zu führen ist. Um Einfluss auf die vorgelagerten Lieferketten zu nehmen, müssen Nachhaltigkeitskriterien in Form glaubhafter Zertifizierungssysteme geschaffen werden.

Kunststoff-Rezyklate

Mangelndes Kunststoff-Recycling ist ein akutes, globales Problem. Weltweit werden weniger als 10 % der Kunststoff-Verpackungsabfälle recycelt. Der Rest wird verbrannt, endet auf Deponien oder gelangt unkontrolliert in die Umwelt. Somit steigt der politische und gesellschaftliche Druck nach einem nachhaltigeren Umgang mit Verpackungen, mit dem Ziel, eine geschlossene Kreislaufwirtschaft zu erreichen.

Karlheinz Hausmann und Dr. Heiko Schenck (Dow) führten in ihrem gemeinsamen Vortrag aus, wie Rohstoffhersteller ihren Beitrag zur Recycelfähigkeit von flexiblen Verpackungen leisten können. So will Dow erneuerbare und rezyklierte Materialien in die Produktion aufnehmen und hat sich deshalb verpflichtet, bis 2025 100.000 t Kunststoff-Rezyklat auf den EU-Markt anzubieten. Darüber hinaus entwickelt Dow neue Technologien, um Polymere aus Recyclingströmen in den Markt zu bringen. Auch werden Materialien und Zusatzstoffe entwickelt, die das Recycling insgesamt begünstigen.

Verpackungshersteller müssen den Rezyklierern das Leben einfacher machen. Nur Mono-Material-Laminate aus PE oder PP sind derzeit die einzige realistische Lösung, um die Umweltprobleme mit flexiblen (Hochbarriere-)Verpackungen zu lösen. Prof. Achim Grefenstein, Constantia, berichtete über recyclingfähige Hochbarriere-Verbunde für Lebensmittelverpackungen. Grefenstein erläuterte die Nachteile von Verpackungen aus Papier sowie von bioabbaubaren und recyclingfähigen Verpackungen aus PE und PP, die der breiten Öffentlichkeit oft nicht bekannt sind. Recyclingfähigkeit und eine geringere Materialvielfalt von Verpackungen sind hier die Lösung.

Constantia baute in Indien die weltweit erste Fabrik zur Herstellung rezyklierbarer Mono-PE-Verpackungen. Das neue Material ersetzt nicht rezyklierbare Mischkunststoffe, womit die Wertschöpfung beim Recycling erhöht wird.

Anzahl der benötigten Erden, wenn die Weltbevölkerung wie die Bevölkerung der aufgeführten Länder leben würde. (Stand: 2017)
(Quelle: Statistika)

Das Recycling von Mehrschicht-Verpackungen stellt eine Herausforderung dar. Florian Riedl, APK erläuterte ein Verfahren mit dem PE- und PP-Rezyklate für Verpackungsanwendungen durch chemisches Recycling hergestellt werden können. Durch ein spezielles Löseverfahren können die einzelnen Polymertypen in Kunststoffverbunden (z. B. Mehrschichtfolien) und gemischten Kunststoffabfällen separiert werden. Das Ergebnis sind sortenreine, saubere Kunststoff-Granulate mit Neuwarencharakter, die für Non-Food-Verpackungen eingesetzt werden können.

Erwin Jochim, Morchem, warnte davor, keinen blinden Aktionismus zu starten. Denn wiederholtes Recyceln birgt auch Gefahren bergen: Vor dem Hintergrund von NIAS (nicht absichtlich zugesetzter Substanzen) können unbekannte Fremdstoffe und Spurenelemente die Rezyklate verunreinigen und damit die Sicherheit gefährden. Er hinterfragte kritisch, ob es nicht besser sei, die Kunststoffe an zentraler Stelle zu sammeln und thermisch zu entsorgen. Warum sollen bewährte Prozesse zu Lasten der Sicherheit über Bord geworfen werden? Der Produktschutz hat immer im Vordergrund zu stehen. Außer beim POET sind bisher sowieso genau aus diesen Bedenken heraus, Rezyklate für Lebensmittelverpackungen (noch) nicht zugelassen.

Barriere-Folien aus Molke

Prof. Markus Schmid, Hochschule Albstadt, stellte aus der anwendungsorientierten Forschung Handlungsansätze für nachhaltigere Lebensmittelverpackungskonzepte vor. Am Beispiel einer Schnittkäseverpackung veranschaulichte er, dass Produktverluste höhere CO2-Emissionen verursachen als es durch Vermeidung überflüssiger Verpackungen möglich wäre. Verpackungen müssen ihre Eigenschaften beibehalten und den Produktschutz gewährleisten, nur dann darf Verpackungsmaterial reduziert oder durch andere Rohstoffe ersetzt werden. „Eine Lösung könnten auf Molkenproteine basierte Verpackungsfolien sein“, so Markus Schmidt weiter. Aus diesem Abfallprodukt soll eine nachhaltige Verpackung mit guten Barriere-Eigenschaften hergestellt werden, die zu 100 % recyclebar ist – so zumindest das Entwicklungsziel.

Fazit

Die Branche der Hersteller von flexibler Kunststoff-Verpackungen muss eine einheitliche Lobbyarbeit betreiben und neue, nachhaltige Lösungswege aufzeichnen. Das allerdings setzt eine enge Kooperation aller Beteiligten entlang der gesamten Wertschöpfungskette voraus. Die negative Außenwahrnehmung von Kunststoffverpackungen kann nur durch gezielte Weiterentwicklungen und eine sachliche sowie faktenbasierte Berichterstattung begegnet werden. Vor allem die Rohstoffproduzenten können nur aktiv werden, wenn die Politik die richtigen Rahmenbedingungen setzt und von ihr auch mitgetragen werden. [12315]

Der Artikel ist bereits in der Flexo+Tief-Druck 2-2020 (April-Ausgabe) erschienen.

 

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