Recycelfähige Kunststoffverpackungen und die Zukunft des Wellpappendrucks

Podiumsdiskussion zur Zukunft des Wellpappendrucks (von links): Rainer Wilke, (Christiansen Print GmbH), Ralf Schiffmann (Göpfert Maschinen GmbH), Wolfram Verwüster (Drst Phototechnik AG), Jan Wölfle (HP) und Moderaror Bernhard Stradner (DFTA-Präsident)

Mit recycelfähigen Kunststoffverpackungen und der zukünftigen Entwicklung des Wellpappendrucks behandelte die DFTA auf ihrer Fachtagung in Fulda hochaktuelle Themen, die die Flexo- und Verpackungsdruckbranche zurzeit bewegen.

Ohne Sammeln kein Recycling

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„Kunststoffverpackungen werden heute – trotz ihres unbestrittenen hohen Nutzens – überwiegend nur noch als weltweites Müllproblem wahrgenommen“, stellte Keynote-Sprecher Stefan Glimm vom Verband „Flexible Packaging Europe (FPE)“ in seinem Vortrag fest. Doch was muss geschehen, damit die Kunststoffverpackung in der Öffentlichkeit wieder positiv wahrgenommen wird? Auch wenn die Hauptverursacher für die Vermüllung der Meere mit Kunststoffverpackungen aus Asien kommen, müssen in Europa die Recycling-Kreisläufe weiter geschlossen werden. Dabei greift eine recyclinggerechtere Verpackungsentwicklung als alleiniger Lösungsansatz zu kurz. Ohne das Schaffen besserer Strukturen für das Sammeln und Sortieren ist kein Recycling des Kunststoff-Verpackungsmülls möglich.

Keynote-Sprecher Stefan Climm von Verband “Flexible Packaging Europe (FPE).
(Quelle: Ansgar Wessendorf)

Aus diesem Grund gründete die FPE die Initiativen „Collect all Packaging“ und „Ceflex“, in der über 100 Unternehmen aus der gesamten Wertstoffkette zusammengeschlossen sind – vom Rohstofferzeuger über Markenartikler und Drucker/Converter bis zum Sammel- und Recyclingunternehmen. Ziel ist es, die Materialkreisläufe für flexible Verpackungen weiter zu schließen und die ressourceneffiziente Lebensmittelversorgung insbesondere durch die flexible Verpackung bei wachsender Weltbevölkerung und zunehmender Urbanisierung sicherzustellen. Leichtgewichtige flexible Verpackungen aus Folien überzeugen nicht nur durch ihre ausgezeichnete CO2-Bilanz, sie können auch mit definierten Barriere-Eigenschaften ausgestattet werden. Aus diesen Möglichkeiten ergeben sich maßgeschneiderte Verpackungen, die Lebensmittel aller Couleur vor Verderb schützen. Ein Drittel der weltweit produzierten Lebensmittel verderben, weil sie nicht oder nur unzureichend verpackt werden.

Dem Kunststoffabfall einen Wert geben

Herbert Schmitz von „Der Grüne Punkt DSD“ sieht die Industrie mehr denn je in der Pflicht, ganzheitliche Verpackungslösungen zu entwickeln. Der Schlüssel dazu ist die erweiterte Produktverantwortung, wie sie in Deutschland seit 1991 und in der EU seit 1994 praktiziert wird. Der Hersteller und damit der eigentliche Verursacher übernimmt die Verantwortung für die (Wieder-)Verwertung oder Entsorgung seiner Verpackungen. Der Grüne Punkt liefert inzwischen Rezyklate, aus denen sich neue Produkte praktisch ohne Qualitätsverlust herstellen lassen. Damit können die Hersteller selbst für die Nachfrage und die Schaffung der notwendigen Märkte sorgen, indem sie bei der Produktion von Neuwaren auf Rezyklate umstellen. Aktuelle Recycling-Beispiele sind Körbe, Boxen, Blumentöpfe, Putzeimer und ähnliche Produkte in ansprechend neuer Farbgestaltung.

Die Rohstoffhersteller entdecken das Thema gerade erst und verglichen mit der Neuproduktion ist die Recyclingmenge an Kunststoffen gering. Während es bei Glas, Papier und Metallen völlig normal ist, sie im Kreislauf zu führen und immer wieder zu nutzen, ist das bei Kunststoffen immer noch die Ausnahme.

Die EU will den Rezyklat-Einsatz in Europa bis 2025 auf zehn Millionen Tonnen erhöhen – immer noch wenig im Vergleich zur Neuproduktion. Die Bereitschaft, Kunststoff-Rezyklate zu nutzen, muss daher deutlich größer werden – von der Verwendung bei der Rohstoffherstellung über einfache Standardqualitäten und -produkte bis hin zu den Hightech-Lösungen wie neue Verpackungen. Dringend notwendig sind allerdings ein Upscaling und weitere Investitionen in den Kapazitätsausbau als auch in innovative Technik, die deutlich höhere Qualitäten bei den rezyklierten Produkten erlauben.

Polypropylen-Folien als Ersatz für Mehrstoff-Verbundfolien

Peter Niedersüss von Borealis zeigte in seinem Vortrag „Bedeutung und neue Entwicklungen von PP-Folien im Kontext von Circular Economy“ zunächst die Herausforderungen der Verpackungsindustrie auf, die in den kommenden fünf bis zehn Jahren eine Vielzahl nicht recycelfähiger Verpackung neugestalten muss.

Bei der Neugestaltung von flexiblen Verpackungen ist Polypropylen (PP) ein sehr leistungsfähiger und weit verbreiteter Werkstoff. Durch sein breites Eigenschaftsspektrum ist PP bestens geeignet, Mehrstoff-Verbundfolien zu ersetzen und die bisherige Funktionalität und Effizienz weitestgehend beizubehalten. Dazu eignen sich PP Cast-Folien aus Co-Polymeren, die durch Modifikation mit Queo-Plastomeren ein höheres Steifigkeits-/Zähigkeitsniveau sowie einen tieferen Siegelanspringpunkt erreichen. Damit lassen sich die Herausforderungen nach dichter und effizienter Versiegelung auf Verpackungsanlagen sowie der Produktsicherheit meistern.

Die Kombination solcher PP Cast-Folien mit BOPP-Folien als Druck- bzw. Barriereträger ermöglichen es, recyclingfähige Standbodenbeutel aus Einstoff-Verbundfolien herzustellen, die den hohen Anforderungen an die Lebensmittelverpackungen gerecht werden. Sie sind ein wichtiger Schritt in Richtung einer geschlossenen Kreislaufwirtschaft, da sie das Sammeln und Sortieren effizienter gestalten und zu höherer Qualität beim Recycling von flexiblen Verpackungen führen.

Waste to Value – Wertschöpfungskette von Einwegverpackungen

Der Markenartikler Nestlé beschäftigt sich intensiv mit den Auswirkungen von Verpackungen auf die Umwelt. Durch die schnelle Zunahme des Verpackungsmülls werden Forderungen nach Verboten spezifischer Verpackungen bzw. Verpackungsmaterialien laut, die partiell bereits Realität sind. Dies ist aus Sicht von Reinhard Dittmar von Nestlé Technology Center jedoch eher eine Reaktion auf das Ergebnis und behebt in den meisten Fällen nicht die Ursache des Problems. Eine Lösung, und darin war er sich mit seinen Vorrednern einig, bietet eine gut funktionierende Wertschöpfungskette von Einwegverpackungen. Das Einsammeln, Sortieren und Recyceln von Verpackungen muss global etabliert werden, wodurch sie ressourcenschonend und nachhaltig produziert werden können. Nestlé setzt sich aktiv für die Entwicklung dieser Systeme ein und adaptiert, entsprechend den lokalen Gegebenheiten, die eingesetzten Verpackungslösungen, um eine möglichst geschlossene Wertschöpfungskette garantieren zu können. Nestlés Vision und Strategie baut darauf, das Verpackungsmaterial zu 100 % rezyklierbar zu machen.

Ein weiterer Baustein dieser Strategie ist die Unterstützung der Transformation in der Kunststoffverarbeitung, den Anteil rezyklierten Materials in den eingesetzten Verpackungen zu erhöhen. Nestlé will beim Aufbau der Sammel-, Sortier- und Recycling-Systeme eine aktive Rolle spielen.

Digitalisierung in der Wellpappe durch E-Commerce

Michael Weber beschrieb in seinem Vortrag die digitale Transformation im Wellpappendruck und wieso er die Thimm Gruppe in dieser Hinsicht als Vorreiter sieht. „Digitalisierung braucht zunächst eine Vision. Und dazu gehört nach firmeninterner Überzeugung die Philosophie „Hate concepts. Love doing! “.

Zur Umsetzung dieser Vision gründete die Thimm Gruppe die next49 GmbH + Co. KG als eine eigene Business Division. Das erste Ergebnis der Digitalisierungsvision der neuen Firma ist der Online-Shop „Cartonara“, der sowohl standardisierte Kartons, Faltschachteln und Versandverpackungen aus Wellpappe als auch Umzugsmaterialien und Zubehör wie Verschlussmittel, Polster- und Füllmaterialien anbietet. Das Portfolio wird laufend weiterentwickelt und seit dem Go-Live im Frühjahr dieses Jahres wurden beispielsweise eine komplett überarbeite Version eines Umzugskartons (Kartonara Box) sowie Kleinladungsträger und innovative E-Commerce-Verpackungen in das Sortiment aufgenommen. Diese sind nicht nur im eigenen Shop, sondern auch bei Amazon und Ebay erhältlich. Cartonara hat den Ausführungen von Michael Weber zufolge einen überaus erfolgreichen Start hingelegt und zählt mittlerweile regional zu den am schnellsten wachsenden Start-ups. Die Thimm Gruppe sieht darin ein Marktpotenzial von mehr als EUR 800 Mio. und einen entscheidenden Schritt in die digitale Transformation.

Ein flammendes Plädoyer für den Flexodruck

Ein flammendes Plädoyer für den Flexodruck hielt Ralf Schiffmann von der Göpfert Maschinen GmbH. Das Druckverfahren sei im Wellpappendruck deshalb so erfolgreich, weil es unter anderem nahezu alle Papiersorten bedrucken kann. Von den kleinsten Formatgrößen bis zu 2,5 x 5,5 m große Wellpappenbögen können in einem Durchgang bedruckt und weiterverarbeitet werden. Und auch sämtliche Wellpappendicken, von der F-Welle hin zur 16 mm dicken Dreifachwelle, stellen für den Flexodruck kein Problem dar.

Hielt ein flammendes Plädoyer für den Flexodruck, Ralf Schiffmann, Göpfert Maschinen GmbH.
(Quelle: Ansgar Wessendorf)

Ein weiterer Vorteil ist, dass der Flexodruck mit den erschwerten Rahmenbedingungen in der Wellpappenverarbeitung gut zurechtkommt. Krumme Bogen, Staub und extreme Temperaturen in der Wellpappen-Verarbeitung machen dem Flexodruck nur wenig aus. Die Flexodruckfarben sind umweltfreundlich, lebensmittelverträglich, deckungsstark, kostengünstig und im freien Wettbewerb erhältlich. Die Wellpappenbögen werden mit Geschwindigkeiten von bis zu 18.000 produziert und oft nur in einem Arbeitsdurchgang bedruckt, geschlitzt, gestanzt und gefaltet.

„Der Flexodruck wird eine exzellente Zukunft in der Wellpappenindustrie haben und jeder, der Geld verdienen will, wird beim Flexodruck bleiben“, resümiert Ralf Schiffmann.

Flexodruck bleibt das dominierende Verfahren

Den Abschluss der DFTA-Fachtagung in Fulda bildete die von Bernhard Stradner moderierte Podiumsdiskussion mit Rainer Wilke, Ralf Schiffmann, Wolfram Verwüster und Jan Wölfle zur Zukunft des Wellpappendrucks. So wurde die Frage diskutiert, welchen Marktanteil der Digitaldruck im Wellpappenbereich in fünf bis zehn Jahren einnehmen wird. Die Diskutanten beantworteten die Frage mit vorsichtigen Abschätzungen, die von 5 bis 10 % reichten. Der Digitaldruck wird vor allem dem Offsetdruck, aber auch dem HQPP-Flexodruck große Produktionsmengen abnehmen, aber das in einem insgesamt wachsenden Markt. Der Flexodruck wird allerdings über diesen zeitlichen Horizont gesehen das weiterhin dominierende Verfahren in der Wellpappe bleiben.

Fazit

Mit den Schwerpunkten „Nachhaltigkeit von Kunststoffverpackungen“ und „der digitalen Zukunft des Wellpappendrucks“ bot die Fachtagung zwei hochaktuelle Themen, die die Branche auch in den kommenden Jahren noch weiter beschäftigen werden.

Um dem Nachhaltigkeitsgedanken zu entsprechen, müssen Verpackungen fortan ganzheitlich geplant werden. Ein Recycling von Kunststoffverpackungen wird erleichtert, indem Monomaterialien statt ein Materialmix eingesetzt, helle Farben bei Kunststoffverpackungen verwendet und optimierte Etiketten- und Verschlusslösungen berücksichtigt werden. Das heißt auch, dass eine Vielzahl an Verpackungen neugestaltet werden muss, um sie recycelfähig zu machen und sie in einen geschlossenen Wertstoffkreislauf überführen zu können. Insgesamt eine gewaltige Aufgabe, die nur branchenübergreifend lösbar ist.

Spannend wird auch die digitale Zukunft des Wellpappendrucks sein. Die Zukunftsprognosen zur Digitalisierung des Wellpappendrucks fielen in der Podiumsdiskussionsrunde noch zurückhaltend konservativ aus. Mitunter deshalb, da sich der Prozess der Digitalisierung noch ganz am Anfang befindet. Die Entwicklung sollte jedoch aufmerksam verfolgt werden und die DFTA hat mit dieser Fachtagung einen gelungenen Anfang gemacht. Interessant wird sein, wie der Marktanteil des Digitaldrucks in der Wellpappe in etwa zwei Jahren sein wird. Denn umso mehr Digitaldruckmaschinen in den Markt kommen, umso größer wird der Druck auf diejenigen, die den Digitaldruck nicht anbieten können. [7021]

 

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