Interview mit Claus Bolza-Schünemann, Vorstandsvorsitzender der Koenig & Bauer

200 Jahre Koenig & Bauer: Auf dem Weg zu Industrie 4.0

von Gerd Bergmann

Oft in der 200-jährigen Geschichte hat sich Koenig & Bauer AG (KBA) mit neuen Produkten und Dienstleistungen auf den Wandel eingestellt. Wachsende Printmärkte wie der Verpackungs-, Digital- und industrielle Funktionsdruck prägen heute einen Großteil des Geschäfts, das noch vor einem Jahrzehnt den Schwerpunkt im Bau von Zeitungsrotationen hatte.

Das „Internet der Dinge“ ermöglicht an der Schwelle zum dritten Jahrhundert der Firmengeschichte schnellere Prozesse und einen erweiterten Service für die Anwender. Industrie 4.0 bzw. das „Internet der Dinge“ sind für den Druckmaschinenbauer keine Fremdwörter. Unter der Dachmarke „KBA 4.0“ sollen künftig durch die digitale Transformation mögliche Serviceleistungen zur Steigerung des Serviceumsatzes beitragen. In Würzburg herrscht große Zuversicht, dass man den Weg, der vor über 200 Jahren mit der Erfindung der Zylinderdruckmaschine durch Friedrich Koenig und Andreas Bauer begann, auch im Zeitalter der Digitalisierung und Globalisierung erfolgreich fortsetzen kann.

Seit Dezember 2014 hat sich der KBA-Aktienwert mehr als versechsfacht. Die Börse sieht den Kurs Ihres Unternehmens sehr positiv, obwohl auch KBA ein Restrukturierungsprogramm auflegen musste.

Ja, wir haben einige Dinge gleichzeitig in die Hand genommen und am Ende gut umgesetzt: Verlustbringer im Konzern beseitigen, konsequent Überkapazitäten beseitigen, vor allem den Fertigungs-/Montagebereich konsolidieren. Dazu der leider notwendige sehr schmerzhafte Personalabbau und Investitionen in die Fertigung und die Entwicklung neuer Produkte. Und das Maßgeblichste: Alle Gremien vom Aufsichtsrat über den Vorstand, leitende Angestellte, Mitarbeiter, Betriebsrat bis zur Gewerkschaft überzeugen, dass das, was wir tun wollen, das Richtige ist.

 Als Drupa-Präsident und in anderen Funktionen sind Sie ein Repräsentant für das Thema Druck. Wie verkaufen Sie das Thema, wie propagieren Sie das?

 In erster Linie durch den Hinweis, dass wir von morgens bis abends permanent Druckprodukten ausgesetzt sind. Wir vergessen sehr schnell, dass fast alles in unserem täglichen Leben irgendwann einmal mit einer Druckmaschine in Berührung gekommen ist. Wenn Sie an das Thema Verpackungen denken. Da kommt vor allem das Wachstum der Druckprodukte her. Je mehr Menschen es gibt, desto mehr wird konsumiert. Und verpackt.

 Jetzt sind Sie als Aktiengesellschaft sehr quartalsgetrieben unterwegs. Aber wenn Sie auf das große Ganze zurückblicken: Was waren die wichtigen Meilensteine?

Das Fundament war zweifellos die Koenigsche Erfindung der Rotationsmaschine. 360 Jahre hat die Welt mit der Gutenbergschen Handpresse produziert, bis Friedrich Koenig 1812 die erste wirklich funktionierende Druckmaschine verkauft hat. Wichtig war vom ersten Tag an die Internationalität unseres Geschäftes. Koenig war schon voll globalisiert. Sein erster Kunde war in England, sein zweiter in St. Petersburg. Und dann gab es natürlich die großen Entwicklungszyklen, die Umbrüche zwischen den Druckverfahren – vom Hochdruck über den Tiefdruck, den Flexo zum Offset. Dann in den vergangenen Jahren der große Umbruch in unserem Unternehmen, das immer sehr stark im Mediengeschäft war und nun auf das Verpackungsgeschäft in seiner gesamten Breite ausgerichtet ist.

 Sie verkörpern als CEO heute die sechste Generation der Familie an der Spitze des Unternehmens. Würden Sie KBA noch als ein Familienunternehmen bezeichnen wollen?

Als Familienunternehmen eher nicht, aber als familiengeprägtes. Es gibt natürlich die lange Tradition, die meine Familie hier im Hause hat. Aber heute sind wir börsennotiert, die Familie ist nicht mehr der größte Aktionär. Aber das macht auch nichts. Die Börse hat uns nicht geschadet, im Gegenteil. Wir sind inzwischen ein großes Unternehmen geworden mit knapp 1,2 Milliarden Euro Umsatz. Ich denke, wir sind für unsere Kunden ein sehr verlässliches Haus, ein berechenbares. Weil wir schon immer – und ich hoffe auch, dass das in der Zukunft so bleiben wird – eine mittel- und langfristige Denke haben. Vielen Firmeninhabern fällt es schwer, im Zuge von Umstrukturierungen auch mal Personal abzubauen. Wir hatten in den Hochzeiten fast 8.500 Mitarbeiter, heute noch etwa 5400. Und es ist immer furchtbar, Mitarbeitern zu kündigen. Weil da in der Regel ganze Familien mit dranhängen. Es tut besonders weh, wenn Sie im Unternehmen eigentlich jeden Zweiten kennen. Das geht nicht spurlos an mir vorüber.

In den vergangenen Jahren wurde das KBA-Portfolio stark verbreitert. Wollen Sie noch weiter zukaufen?

Wenn wir uns engagieren, muss es zu unserem Kerngeschäft passen. Sie brauchen ein gutes Produkt. Das muss wettbewerbsfähig sein. Und es soll möglichst in einem Wachstumsfeld zu Hause sein. Außerdem braucht man den Marktzugang. Wenn diese Bedingungen nicht gut erfüllt sind, dann ist das Scheitern vorprogrammiert. Gab es bei der Entwicklung neuer Technologie auch Sackgassen? Ja selbstverständlich. Wir hatten 1993 mit  Scitex die Karat gestartet – eine Computerto-Press-Anlage mit Kurzfarbwerken, die unglaubliche Qualität produzieren konnte.

Sie war aber einfach zu spät am Markt, denn im gleichen Jahr stellte Benny Landa die erste Indigo vor. Im Januar 1974 hatten wir die Jumbo Courier vorgestellt, eine sechs Platten breite Zeitungsmaschine. Der Markt war einfach nicht reif. Es hat fast 30 Jahre gedauert, bis in der Zeitung die sechs Platten breiten Maschinen nachgefragt wurden, aber Koenig & Bauer hat immerhin die erste in die Schweiz geliefert.

Wie weit planen Sie denn in die Zukunft?

Wir planen über fünf Jahre. Wir sehen aktuell Wachstumsfelder bei der Faltschachtel, in der Weiterverarbeitung, im Stanzgeschäft, bei der flexiblen Verpackung und im Funktionsdruck. Wir werden wieder in die Wellpappenbedruckung einsteigen. Hier sehen wir deutliches Wachstum, maßgeblich durch den Internethandel. Der findet in der Regel in Kartons statt. Der Wellpappenmarkt wächst. Und die hochqualitative Bedruckung wird kommen. Der Pizzakarton hat also Zukunft. Der ist vielleicht nicht sehr hochqualitativ bedruckt. Aber ich persönlich gehe davon aus, dass das Einkaufserlebnis in der Zukunft vermehrt aus der Schachtel kommt.