Von Ansgar Wessendorf

Inline Flexo-Produktion für Verpackungen aus Wellpappe

Ein Open House von Bobst im Werk Grunbach der Klingele Papierwerke zielte darauf ab, das Leistungsvermögen zu demonstrieren, das mit der Masterline-HD 2.1 im Flexodruck auf Wellpappe erreichbar ist.

Bobst nutzte die Veranstaltung, um die etwa 70 Teilnehmer aus zehn europäischen Ländern generell auch über jüngste Innovationen des Unternehmens zu informieren – angefangen bei neuen Features und Optionen für die Masterline über neue Service-Dienstleistungen bis hin zum aktuellen Stand der Digitaltechnik des noch jungen Bobst-Unternehmens Mouvent.

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Nach der Live-Produktion verschiedener Verpackungen konnten sich die Besucher die Masterline aus nächster Nähe anschauen und auch die geöffneten Flexodruckwerke betreten. (Quelle: Bobst)

Insgesamt nahmen knapp 40 europäische Wellpappenwerke die Einladung zur Open-House-Veranstaltung „Bobst Masterline-HD 2.1“ am Stammsitz der Klingele Papierwerke GmbH & Co. KG in Remshalden bei Stuttgart bzw. im Werk Grunbach an. Neben Deutschland, den Benelux-Ländern, Österreich, der Schweiz, Spanien, Italien, Polen und Tschechien reisten Interessenten auch aus der Ukraine und aus Russland an. Einige von ihnen waren mit konkreten Investitionsabsichten zum Open House gekommen. Andere nutzen gerne die Gelegenheit, die Produktionsprozesse eines Kollegenbetriebs kennenzulernen.

Bobst hatte die Masterline-Plattform im Jahr 2010 vorgestellt. Sie integriert automatische Beschicker, Masterflex-HD-Flexodruckwerke, Mastercut-Flachbettstanzen, Nutzentrenner und Palettierer zu Komplettanlagen für die Herstellung fertiger Verpackungen in einem Arbeitsgang. Bei Klingele in Grunbach bildet eine Masterflex-HD mit sechs Druckwerken das Herzstück der Masterline, die hier rund um die Uhr produziert. „Ich war vom Masterline-Konzept von Anfang an voll überzeugt. Wir haben vier Jahre für die Entwicklung gebraucht und anschließend vier Jahre Praxiserfahrungen gesammelt. Das Ergebnis sind Spitzenwerte bei Qualität, Produktivität, Effizienz und Wirtschaftlichkeit, die wir hier bei Klingele sehen“, erklärte Bobst-CEO Jean-Pascal Bobst.

Flexo- oder Digitaldruck?

Zwar verzeichne der Digitaldruck starke Zuwachsraten, doch er werde den Flexodruck im Verpackungsmarkt auf absehbare Zeit nicht verdrängen. Bobst arbeite daran, seine Leistungsfähigkeit kontinuierlich weiter zu steigern. Jean-Pascal Bobst unterstrich diese Aussage mit der THQ FlexoCloud-Technik, die von Graphilabel entwickelt und von Bobst angepasst wurde und im Flexo-Direktdruck auf Wellpappe eine Steigerung der Druckqualität ermöglichen soll. Bei geringen Kosten macht diese Technik die Produktion hochwertiger Verpackungen aus Wellpappe in einem Arbeitsgang und den Druck von Sicherheitselementen zum Schutz vor Markenpiraterie möglich. Aus Sicht von Bobst verfügt diese Technik mit ihrer Druckqualität über das Potenzial, in Märkte vorzudringen, die bislang dem Offset- und dem Tiefdruck vorbehalten waren. Mit lediglich vier Farben kann sie eine breitere Palette von Farbtönen drucken und 65 % des Farbraums abdecken. Darüber hinaus erlaubt ein Farbseparationsalgorithmus den effizienten Druck von „Nano-Botschaften“, die für das nackte Auge nicht erkennbar sind und Produkte vor Markenpiraterie schützen. Die THQ FlexoCloud-Technik ist sehr einfach bedienbar und für eine Vielzahl von Maschinen von Bobst für den Flexo-Direktdruck verfügbar.

Die Besucher nahmen die Druckqualität der Masterflex-HD in Augenschein, die mit ihren sechs Druckwerken bei Klingele in Grunbach das Herzstück der Masterline bildet (Quelle: Bobst)

Jean-Pascal Bobst brachte die Besucher auch auf den aktuellen Stand der Digitaltechnik des Bobst-Unternehmens Mouvent. In ihm sei umfassendes Expertenwissen zusammengeflossen, um den Digitaldruck neu zu denken. Neben der speziellen Chemie der Tinten zählt der eigenentwickelte, modular aufgebaute Druckkopf-Cluster zu den Highlights der Mouvent-Digitaldruckmaschinen. In ihm verfügt jeder einzelne Druckkopf über eine eigene Tintenversorgung. Und da sich in den Maschinen grundsätzlich beliebig viele Cluster kombinieren lassen, sind sie flexibel skalierbar. Nachdem Mouvent 2017 bereits eine Textil- und zwei Etikettendruckmaschinen auf den Markt gebracht hat, kündigte Jean-Pascal Bobst für das zweite Halbjahr 2018 eine Digitaldruckmaschine für flexible Verpackungen, für das erste Halbjahr 2019 eine für Faltschachteln und für die zweite Hälfte 2019 eine für Wellpappen an – ausnahmslos industrielle Lösungen, wie sie sich Bobst von Anfang an auf die Fahne geschrieben habe.

Effizienz im Fokus

Für die Live-Demonstration der Masterline-HD 2.1 hatten Bobst und Klingele drei typische Jobs ausgewählt, wie sie in Grunbach für Kunden produziert werden. Bei allen drei Aufträgen kamen B-Wellen zum Einsatz, jeweils mit weißen Toplinern als Deckenmaterial. Sie liefen mit Geschwindigkeiten von 6500 Bogen/h durch die Maschine. „Wir wollen vor allem auch die Schnelligkeit dokumentieren, mit der sich die Masterline bei Auftragswechseln umrüsten lässt“, erklärte Vertriebsmitarbeiter Markus Knott von Bobst Meerbusch, der die Maschinendemos moderierte.

Beim ersten Auftrag wurden Shelf-Ready-Verpackungen für Margarine auf Bogen im Format 1864 mm x 821 mm mit jeweils vier Nutzen mit zwei Farben und Lack bedruckt. Während sie durch die Masterflex-HD liefen, bereiteten die Maschinenführer bereits den Folgeauftrag vor, indem sie in die freien Druckwerke 3, 4 und 5 die Klischees einhängten. Nachdem die Verpackungen gedruckt waren, wurden in den Druckwerken 1 und 2 die Waschvorgänge gestartet sowie im Druckwerk sechs das Lackklischee und in der Mastercut die Werkzeuge gewechselt. Wenige Minuten später lief die Produktion des Folgeauftrags an.

Dabei wurden jeweils vier Nutzen einer Shelf-Ready-Verpackung mit drei Farben plus Lack auf Bogen im Format 1996 mm x 693 mm gedruckt. Beim Einrichten des Auftrags kam das Start&Go-System von Bobst zum Einsatz, das die Anlaufmakulatur auf weniger als 20 Bogen bei neuen Aufträgen und auf unter 15 Bogen bei Wiederholaufträgen reduziert. Nachdem in den Druckwerken 1 und 2 die Waschvorgänge beendet waren, wechselten die Maschinenführer in ihnen die Druckfarben und die Klischees. Sobald der Auftrag abgearbeitet war, bereiteten die Maschinenführer auch die übrigen vier Druckwerke für den nächsten Job vor. Dabei war der automatische Rasterwalzenwechsel in den Druckwerken 3 und 5 der Höhepunkt. In der Mastercut wurde bei diesem Auftragswechsel als Besonderheit eine Stanzrillplatte mit CNC-gefrästen Rillkanälen eingesetzt. Es vergingen nur wenige Minuten und schon konnte der nächste Job gestartet werden: eine Faltkiste für Bier, gedruckt in vier Nutzen mit fünf Farben plus Lack auf Bogen im Format 1793 mm x 1078 mm.

Permanente Weiterentwicklung

Bobst Meerbusch-Vertriebsmitarbeiter Norbert Klein informierte die Teilnehmer über die jüngsten Weiterentwicklungen für die Masterline-Anlagen. „Ihre Kunden werden immer preissensitiver. Gleichzeitig steigen die Ansprüche des Marktes im Hinblick auf die Reproduzierbarkeit der Qualität und eine fehlerfreie Produktion. Zudem nimmt der Anteil mehrfarbig bedruckter Verpackungen aus Wellpappe kontinuierlich zu. Mit der Masterline entsprechen Sie diesen Trends, da Sie mit ihr sowohl ein- und zweifarbige als auch mehrfarbige Aufträge effizient und wirtschaftlich produzieren“, ordnete Klein seinen Vortrag in das aktuelle Branchenumfeld ein.

Als Beispiel nannte Klein die Registersteuerung, die mit zusätzlichen Fotozellen vor jedem Druckwerk die exakten Positionen der einzelnen Druckbogen kontrolliert und bei Abweichungen die Nullpunkte der Klischeezylinder jeweils neu ausrichtet. Dabei „orientiert“ sich das Register wahlweise an den Vorderkanten der Bogen, an den gedruckten Marken an der Bogenvorderkante oder an Druckbildern nahe der Bogenvorderkanten. In Kombination mit den anderen qualitätssichernden Leistungsmerkmalen bzw. Funktionen der Masterflex-HD wie unter anderem dem Registerkontrollsystem Registron, dem Qualitätskontrollsystem iQ 300 oder den Real Drive-Direktantrieben am Klischeezylinder sowie an der Rasterwalze wird im Druck eine hohe Präzision gewährleistet. Klein: „Egal, ob man das Register von Farbe eins zu Farbe zwei oder von Farbe eins zu Farbe sechs misst – diese Produktionslinie zeichnet sich durch eine hohe Passergenauigkeit aus. Selbst Sechs-Punkt-Schriften mit drei übereinander gedruckten Farben sind aufgrund der hervorragenden Registerwerte möglich.“

Bei den jüngsten Neuerungen für die Masterflex-HD sprach Klein unter anderem die leichten Kammerrakel aus Karbon und den (bei jedem Druckwerk individuell möglichen) automatischen Rasterwalzenwechsel an, bei dem sich jetzt pro Druckwerk drei Rasterwalzen gleichzeitig managen lassen. Die Möglichkeit, mit variablen Klischeedicken zu arbeiten, bedeute wiederum, dass Kunden auch bereits vorhandene Klischees verwenden können. Das Farbsystem mit verschiedenen automatischen Waschprogrammen reduziert die Restfarbmenge pro Druckwerk von etwa 3,0 auf etwa 0,6 Liter und den Waschwasserverbrauch von früher etwa 60 Liter auf etwa 20 Liter. Bei der Mastercut wiederum gehören heute sämtliche der früheren Optionen zum Maschinenstandard. Das gilt unter anderem für das Power Register mit der Lesung der Bogenvorderkanten (optional auch der Druckbilder), alle Ausrichtungsfunktionen, das Seitengebläse sowie für das Greiferöffnungssystem zum einfachen Entnehmen von Kontrollbogen.

Potenziale für signifikante Prozessoptimierungen

Zwei interessante Präsentationen zum Thema Prozessoptimierung rundeten das Informationsangebot der Veranstaltung bei Klingele ab: Technology Coach Wilbert Streefland führte den Besuchern vor Augen, wo in der Praxis des Flexodrucks allein bei den Themen Register und Farbton meist enorme Verbesserungspotenziale schlummern. Drucken sei letztlich nichts anderes, als die richtige Farbe in der richtigen Menge an die richtige Position auf den richtigen Bedruckstoff zu den richtigen Kosten zu bringen. Hier gebe es etliche Variablen, die es sich anzuschauen lohne. „Wer von Ihnen ermittelt zum Beispiel bei einzelnen Aufträgen den Ertrag pro Maschinenstunde?“, fragte der Flexodruckexperte – ohne aus dem Auditorium wirklich eine Antwort zu erhalten.

„Ich will Ihnen helfen, effizienter zu werden“, stellte sich Manfred Bauer vor, IoT-Experte (Internet of Things) und bei Bobst seit einigen Monaten für das Thema Connected Services verantwortlich. Unter diesem Begriff entsteht derzeit bei Bobst ein Portfolio internetbasierter Service-Dienstleistungen, die neue Formen der Zusammenarbeit zwischen dem Unternehmen und seinen Kunden in aller Welt ermöglichen. Der Schlüssel dazu ist die Anbindung der Maschinen von Kunden an übergeordnete IT-Systeme wie MES (Manufacturing Execution System)- oder ERP-Systeme (Enterprise Resource Planning) und die Verbindung mit den Connected Services von Bobst. „Wir müssen uns gemeinsam Gedanken machen, welche der verfügbaren Prozess- und Maschinendaten wir nutzen wollen und wie wir sie intelligent interpretieren, damit Sie künftig unter anderem auch vorausschauend agieren können“, formulierte Bauer das Ziel. Bobst werde hier eine Reihe von Standardlösungen anbieten, auf deren Basis sich individuelle Lösungen entwickeln lassen, die den stetig steigenden Anforderungen an die Effizienz von Produktionsprozessen im Zeitalter von Industrie 4.0 entsprechen.

Digitaler Kundenservice

„Mit diesem Business-to-Business-Portal schlägt Bobst in Sachen Kundennähe ein neues Kapitel auf. Auf MyBobst stellen wir personalisierte Webseiten zur Verfügung, die eine breite Sicht auf Ihre Bobst-Maschinen geben – bis hin zu statistischen Auswertungen und Analysen aktueller sowie historischer Leistungsdaten zu Verfügbarkeit, Produktionsleistung und Qualität Ihrer Produktion. Und das in Ihrer Landessprache“, zeigte Bauer die Möglichkeiten auf. Die Voraussetzung dafür sei lediglich, dass die Maschinen über das Internet mit MyBobst verbunden sind.

„Im Online-Shop von MyBobst wiederum lassen sich Verschleiß- und Ersatzteile, Werkzeuge, Verbrauchsmaterialien sowie Service-Dienstleistungen rund um die Uhr bestellen. „Dabei können Sie auf Ihre früheren Aufträge zugreifen und aus diesen heraus mit wenigen Mausklicks neue Bestellungen generieren“, unterstrich Bauer den Komfort des Portals, das Bobst seinen Kunden kostenlos zur Verfügung stellt. MyBobst wurde in den vergangenen Monaten mit ausgewählten Verpackungsherstellern getestet und wird von diesen inzwischen ausnahmslos genutzt. [5697]

 

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