20Seven: Die neue Flexodruckmaschine für das Drucken im erweiterten Farbraum

Großes Interesse zeigte das internationale Fachpublikum an der neuen Bobst-Flexodruckmaschine 20Seven mit festem Farbsatz (ECG). Außerdem präsentierte Bobst Bielefeld seine neue Print Academy. (Quelle: Ansgar Wessendorf)

Im Februar 2018 präsentierte Bobst Bielefeld einem internationalen Fachpublikum zum ersten Mal ihre neue Zentralzylinder-Flexodruckmaschine 20Seven. Das Besondere: Sie ist weltweit die erste Maschine ihrer Art, die speziell für das Drucken im Expanded Colour Gamut (erweiterter Farbraum) ausgelegt ist.

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Die Redaktion von Flexo+Tief-Druck sprach mit Hermann Koch (Sales Director DACH/Preprint global) und Dieter Betzmeier (Head of Research and Development) über die Intention und Hintergründe dieser neuentwickelten Flexodruckmaschine.

Hermann Koch (Quelle: Bobst)

Was muss der Flexodrucker grundsätzlich bei der Einführung von ECG beachten?

Hermann Koch: Zunächst vereint der Druck mit festem Farbsatz eine beträchtliche Effizienzsteigerung mit ausgezeichneter Druckqualität. Doch der Weg dorthin ist kein Spaziergang. Es handelt es sich hierbei um keine „Plug-and-Play“-Technik. Um nachhaltige Vorteile zu erzielen, fordert sie allen Beteiligten der Lieferkette harte Arbeit ab. Durch Analyse des Workflows und der Auftragsstruktur wird festgestellt, inwiefern das ECG-Verfahren für einen Verpackungsdrucker in Frage kommt. Wir gehen diesen Weg gemeinsam mit unserem Kunden, indem Bobst sein umfangreiches Know-how und seine Erfahrungen einbringt. Ist aber die Arbeit getan, so macht der Druck mit festem Farbsatz die Druckproduktion zu einem standardisierten industriellen Prozess.

Können Sie das konkretisieren?

Hermann Koch: Die feste Farbbelegung auf der Zentralzylinder-Flexodruckmaschine 20Seven mit zum Beispiel sieben Farben ermöglicht Rüstzeiteinsparungen von bis zu 50%. So entfällt die Farbabstimmung an der Druckmaschine, es kann mit einem kleineren Rasterwalzenbestand gearbeitet werden und auch die Anzahl der Waschvorgänge reduziert sich drastisch. Zudem ist nicht nur der Farbverbrauch in der Flexodruckmaschine geringer, sondern auch der Restfarbenbestand wird weniger. Der Einsatz von Sammelformen ist ein weiterer Vorteil dieser Verfahrenstechnologie. Durch das Drucken im erweiterten Farbraum sind bis zu 93% der Pantonefarben darstellbar. Das heißt, die meisten Verpackungsdesigns können im ECG-Verfahren umgesetzt werden.

Dieter Betzmeier (Quelle: Bobst)

In welchen Bereichen des Verpackungsdrucks wird das ECG-Verfahren bereits eingesetzt?

Dieter Betzmeier: Das ECG-Verfahren wird für die Produktion von Getränkeverpackungen schon seit vielen Jahren eingesetzt. Im Etikettendruck dient es als Alternative zum Digitaldruck. Und die Verpackungsdruckindustrie in Großbritannien ist momentan der Trendsetter in Europa, was das Drucken von flexiblen Verpackungen mit festem Farbsatz betrifft.

Was sind die Driver für den Flexodruck mit fester Farbpalette?

Hermann Koch: Ein wesentlicher Driver ist der Technologiesprung, den der Flexodruck in den vergangenen Jahren vollzogen hat. Die enormen Verbesserungen und Entwicklungsanstrengungen bei Druckformen, Rasterwalzen, Farbsystemen, Druckmaschinen und deren Zusammenspiel, haben erst die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass das Drucken mit einer festen Farbpalette im Flexodruck möglich wurde. Es galt unter anderem, die Toleranzen im Gesamtsystem „Flexodruck“ gering zu halten, die Drucksteuerung komplexer Verpackungsmotive in den Griff zu bekommen oder eine hohe Registergenauigkeit im Druck sicherzustellen. Wichtig für den Erfolg von ECG ist, dass ein konstanter Profilstandard konsequent eingehalten wird.

Ein weiterer Driver ist der Digitaldruck, der nur das ECG-Verfahren kennt. Ob eine Verpackung Digital oder im Flexo gedruckt wird, das wird in Zukunft variabel entschieden.

Wie wurden die oben diskutieren Maßgaben für die neue Flexodruckmaschine 20Seven umgesetzt?

Dieter Betzmeier: Alle getroffenen Maßnahmen gehen in die gleiche Richtung: Wiederholgenauigkeit, Präzision und Gleichmäßigkeit. Um mit ECG standardisiert zu drucken, müssen die mechanischen Voraussetzungen auf einer Flexodruckmaschine stimmen. Es wurden verschiedene Verbesserungen in der mechanischen Konstruktion und Prozessteuerung vorgenommen, um sowohl mit lösemittel- als auch mit wasserbasierten Druckfarben vorhersagbare, stabile und reproduzierbare Druckergebnisse zu erzielen. So arbeiten beispielsweise spezielle Pumpen mit geringerem Druck und höherer Frequenz, was einen ruhigen Farbfluss gewährleistet und die Neigung zum Schäumen insbesondere bei Wasserfarben reduziert.

Die neue Software zur Viskositätssteuerung berechnet im Vorfeld, wie sich die Zugabe von Lösemittel auf die Farbviskosität auswirkt. Dadurch wird eine Lösemittel-Überdosierung bei der Korrektur der Farbviskosität vermieden.

Die Kammer einschließlich der Rakelmesser-Positionierung wurde komplett neu konstruiert und strömungsoptimiert. Das Ergebnis dieser Entwicklung ist ein gleichmäßiger, ruhiger Farbumlauf selbst bei hohen Druckgeschwindigkeiten. Das vermindert bei Wasserfarben nicht nur die Neigung zum Schäumen, sondern gewährleistet bei Lösemittefarben einen besseren Durchlauf. Auch ein Freilaufen der Rakelmesser bei hohen Druckgeschwindigkeiten wird sicher vermieden. Zudem ist die Temperierung der Druckfarbe ein weiterer wesentlicher Faktor für einen stabilen Druckprozess.

Die Konstruktion zur Aufnahme und Arretierung der Druckform und Rasterwalze kann je nach Krafteinsatz und Feingefühl des Bedieners zu minimalen Abweichungen vom Sollwert führen. Unser triLock-System beseitigt diese Abweichungen, indem es die Druckform und Rasterwalze an drei Punkten statt an zwei Punkten fixiert. Dank der pneumatischen Steuerung geschieht die Arretierung immer mit dem gleichen Krafteinsatz.

Speziell bei der Verdruckung von Wasserfarben ist die klassische Zwischentrocknung mit einer Düsenzeile über die gesamte Druckbreite energetisch nicht effizient genug. Der Full-Surface-Matrix-(FSM)Trockner verwendet dagegen 600 flächig angeordnete Düsen, die bei gleichem Energieeinsatz eine deutlich bessere Trockenleistung erreichen, ohne dabei den Lauf des Substrats in der Druckmaschine negativ zu beeinflussen.

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang das smartGPS von Bobst?

Hermann Koch: Für den hochqualitativen ECG-Druck mit kurzen Einrichtzeiten ist das SmartGPS ein unverzichtbares Feature. Das System dient zur automatischen Voreinstellung von Register und Beistellung außerhalb der Druckmaschine. Das geschieht auf Basis der montierten Flexodruckplatten und der individuell vermessenen Rasterwalzen. Grundvoraussetzung für einen erfolgreichen Einsatz von smartGPS ist eine mechanisch hochpräzise arbeitende Flexodruckmaschine wie die 20Seven, um ein sukzessives Wegdriften der Einstellparameter zu vermeiden. Auch ist dann ein Kalibrieren der Maschine in regelmäßigen Zeitabständen nicht mehr notwendig.

Wie ist das Interesse an ECG in der flexiblen Verpackungsbranche?

Hermann Koch: Das Interesse an ECG ist sehr groß – und das nicht nur auf der Betreiberseite, sondern auch auf Seiten der Brandowner. Speziell die global agierenden Markenartikler verlangen, dass das Druckergebnis einer Verpackung in allen Ländern gleich ausfällt. Um das zu gewährleisten, sind sie auf Standardseparationen angewiesen, so wie es mit dem ECG-Verfahren möglich ist. Darüber hinaus birgt der ECG-Workflow enormes Potenzial zur Kosteneinsparung und Produktivitätsverbesserung.

Für welche Verpackungsdrucker kommt das ECG-Verfahren infrage?

Hermann Koch: Zunächst kommt es auf die Kunden unserer Kunden an, ob sie den Weg „ECG“ mitgehen möchte. Wir wissen, dass die Signale von Seiten der Markenartikler und Handelsunternehmen sehr positiv sind. Dann kommt es darauf an, dass die Auftragsstruktur zum ECG-Prozess passt. Für Verpackungsdrucker, die für Kunden in Serien, Kampagnen produzieren oder mehrere Kleinaufträge zu einem Großauftrag bündeln können, ist die Umstellung auf das ECG-Verfahren ohne großen Aufwand möglich. Wir haben Kunden in England, die zu Beginn den ECG-Druck für einzelne Segment-Kampagnen oder bestimmte Kunden einsetzten. Mittlerweile ist das Verfahren bei diesen Verpackungsdruckern in ein oder zwei Flexodruckmaschinen vollständig implementiert.

Dieter Betzmeier: Für Flexodrucker mit sehr heterogenen Auftragsstrukturen ist das Drucken mit festem Farbsystem nicht zu empfehlen. Wenn ein häufiger Wechsel auf unterschiedlichen Substrattypen sowie der Einsatz mehrerer Farbsysteme die Regel ist und ein Großteil der Verpackungen in Konterdruck produziert wird, kommen die Vorteile des ECG-Drucks nicht voll zum Tragen. Denn ständig wechselnde Parameter unter Kontrolle und stabil zu halten, ist ein schwieriges Unterfangen.

Welche Ziele verfolgt Bobst Bielefeld mit seiner neuen Print Academy?

Hermann Koch: Die Einführung von ECG ist für jede Flexodruckerei eine große Herausforderung. Deshalb ist für dessen erfolgreiche Umsetzung eine praktische Ausbildung an der Druckmaschine von großer Bedeutung. Seit dem März 2018 steht eine 20Seven für unsere Kunden bereit, die ausschließlich zu Trainings- und Schulungszwecken dient.

Dieter Betzmeier: Doch das Open House und die Eröffnung der neuen Print Academy war für uns der Startschuss für viele neue Aktivitäten. In den vergangenen Jahren baute Bobst den Service-Bereich massiv aus, indem große Investitionen in Personal, Maschinen und Strukturen getätigt wurden. So wird die Print Academy von unserer Business-Unit Service betrieben. Bobst hat mit diesem Geschäftsbereich genau den Nerv der globalen Verpackungsdruckindustrie getroffen. Denn die Suche nach qualifizierten Maschinenbedienern und Servicepersonal sowie Nachwuchskräfte, ist für Verpackungsdruckereien weltweit zu einem Problem geworden, und damit zu einem entscheidenden Faktor für deren Wettbewerbsfähigkeit. Dabei gehört die globale, milliardenschwere Verpackungsdruckbranche zu den wachstumsstärksten Industriezweigen.

Hermann Koch: Unser Ausbildungskonzept ist in drei große Bereiche gegliedert: Wartung/Service, Druckmaschinentechnik und Druckprozess. In Amerika und anderen Ländern ist die Qualifikation des Maschinepersonals im Vergleich zu Deutschland geringer bzw. es wird mit angelernten Kräften gearbeitet. Das heißt, Sie müssen für diese Kunden Schulungskonzepte anbieten, die dafür sorgen, dass eine bestimmte Sicherheit in der Bedienung und Operationalisierung der Druckmaschinen gewährleistet wird. Und das tun wir, indem wir diese Aktivitäten extrem auf die jeweiligen Kundenbedürfnisse fokussieren, um auf diese Weise die Qualifikation der Maschinenbediener deutlich zu erhöhen.

Dass unsere Schulungskurse in der neuen Print Academy bereits für sechs Monate ausgebucht sind, ist ein Beleg für den großen Qualifizierungsbedarf in der globalen Verpackungsdruckindustrie. [4979]

Herr Koch, Herr Betzmeier, die Redaktion von Flexo+Tief-Druck bedankt sich für das Interview.

 

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