Chris Payne, CEO von Miraclon, über das einjährige Bestehen des Unternehmens, turbulente Zeiten, Erfolge und neue Produkte

Die erste Kerze für Miraclon

Chris Payne, CEO von Miraclon: „Mit unserer patentierten Ultra Clean-Technologie haben wir die grundsätzlichen Probleme bei der Verarbeitung wasserauswaschbarer Flexodruckplatten gelöst.“ (Quelle: Miraclon) (Photo Credit: FRANCE DUBOIS)

Alles in allem war es ein gutes Jahr für uns. Wir haben nach dem Betriebsübergang von Kodak FlexographicPackaging Division zu Miraclon mehr Flexodruckpaltten an  unsere Kunden  ausgeliefert als zuvor”, so Chris Payne, CEO von Miraclon, im Interview mit Flexo+Tief-Druck.

Die Firma Miraclon ist durch den Verkauf der Flexographic Packaging Division von Kodak an die Private-Equity-Gesellschaft Montagu entstanden und feierte dieses Jahr den ersten Geburtstag. Welche Bilanz ziehen Sie?

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Chris Payne: Das Unternehmen Miraclon wurde am 9. April 2019 gegründet und legte von Beginn an den Schwerpunkt seiner Aktivitäten auf das leistungsstarke Flexodruckverfahren. Schon das erste Jahr verlief sehr erfolgreich und wir waren überaus gut ausgelastet. Der Kundenstamm wächst kontinuierlich und damit die Anwendung unserer innovativen Produkte.

Mit der Gründung von Miraclon ist ein neues und unabhängiges Unternehmen entstanden. Zur Umsetzung dieser Unabhängigkeit haben wir es mit einem eigenen ERP-System ausgestattet. Parallel dazu wurde unsere Strategie dahin gehend verfeinert, durch entsprechende Produktentwicklungen das bisher schon sehr hohe Leistungsniveau des Flexodrucks noch weiter zu steigern und damit neue Anwendungsbereiche zu erschließen.

„Mit Flexcel NX Ultra dauert die Herstellung einer druckfertigen Flexodruckplatte weniger als eine Stunde.“
(Quelle: Miraclon)

Wenn Sie auf die vergangenen 12 Monate zurückblicken, welche Höhepunkte gab es und was hat Sie am meisten überrascht?

Zuerst einmal können wir es selbst kaum glauben, dass wir bereits unseren ersten „Geburtstag“ feiern können. Dieser Erfolg ist umso erstaunlicher vor dem Hintergrund aktueller Veränderungen und der anhaltenden Unsicherheiten im Zeichen der Covid-19-Krise. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass diese Gesamtlage wie ein Ansporn für unser Team, ja sogar für die gesamte Branche wirkt.

Ich bin sehr erstaunt wie auch ermutigt über die Innovationskraft sowie den Erfindungsreichtum unserer Kunden. Sie haben damit ihre Bereitschaft und Fähigkeit bewiesen, unter schwierigsten äußeren Bedingungen neue und vielversprechende Wege einzuschlagen in unserem weltweiten Kampf gegen Covid-19.

Alles in allem war es ein gutes Jahr für uns. Die Geschäftstätigkeit von Miraclon hat sich in diesem Zeitraum sehr gut entwickelt und wir haben nach dem Betriebsübergang von Kodak Flexographic Packaging Division zu Miraclon mehr Druckplatten an unsere Kunden ausgeliefert als zuvor.

Wir installierten kontinuierlich unsere branchenführenden Flexcel NX-Systeme in allen Regionen der Welt, nahmen eine neue Produktionslinie für Druckplatten in Oklahoma/USA in Betrieb und stehen nun vor der Einführung von Kodak Flexcel NX Ultra, einem Plattenverarbeitungssystem auf Wasserbasis. Auf der LabelExpo Europe in Brüssel hatten wir unseren ersten öffentlichen Auftritt als Unternehmen und nun haben wir die drupa 2021 fest im Visier.

Darüber hinaus verliehen wir unsere ersten Global Flexo Innovation Awards an insgesamt 12 Unternehmen aus der ganzen Welt und konnten 60 neue Mitarbeiter in unser Team aufnehmen.

Wir erhielten dieses Jahr den FTA Technical Innovation Award für das System Kodak Flexcel NX Ultra. Geehrt wurde der neuartige verfahrenstechnische Ansatz zur wasserbasierten Plattenherstellung. Dies belegt eindrucksvoll das Potential dieser Technologie, die nach unserer Einschätzung einen signifikanten Einfluss auf die Flexoindustrie haben wird. Doch nicht nur wir, sondern auch unsere Kunden erwarben sich diesbezüglich erhebliche Anerkennung.

W&H beherbergt in seinem Technologiezentrum ein „Flexo Plate Center“, wo die Flexcel NX Ultra-Technologie zur Herstellung wasserauswaschbarer Flexodruckplatten sowohl W&H als auch Miraclon für Kundendemonstrationen und Anwendungsentwicklungen dauerhaft zur Verfügung steht
(Quelle: Miraclon)

Hat Miraclon alle für das erste Jahr gesetzten Ziele erreicht?

Wir arbeiten kontinuierlich an neuen Produkten. Deren Vorstellung war für den ursprünglichen drupa-Termin geplant und muss nun entsprechend angepasst werden. Andere Neuentwicklungen befinden sich noch im Laborstadium und machen sehr gute Fortschritte.

Doch hierfür sind wir auf die Zusammenarbeit mit unseren Kunden als Beta-Anwender angewiesen, was unter den Bedingungen der Covid-19-Einschränkungen jedoch aktuell nur eingeschränkt möglich ist. Dies führt unvermeidlich zu Verzögerung bezüglich der Produkteinführung. Wir sind jedoch sehr zuversichtlich, dieses Ziel durch entsprechende Beschleunigungen bis zur drupa 2021 zu erreichen.

Welche Maßnahmen hat Miraclon umgesetzt, um in der Covid-19-Pandemie die Geschäftsabläufe im Kern aufrecht zu erhalten?

Um unseren Kunden Unterstützung und Sicherheit zu bieten, stocken wir die Bestände in unseren lokalen Lagern deutlich auf und steigern die Herstellung der Flexcel NX-Produktreihen in unseren Fertigungsstätten. Damit haben wir die bestmöglichen Voraussetzungen für die uneingeschränkte Lieferung von Produkten geschaffen, wo und wann auch immer diese benötigt werden.

Daneben bleiben unsere technischen Teams in Einsatzbereitschaft, um den erforderlichen Support zu bieten, damit unsere Kunden Druckformherstellung und Druckproduktion reibungslos durchführen können. Wir leisten Fernsupport für Produktionssysteme über einen sicheren Gerätezugriff und unsere technischen Anwendungsspezialisten stehen bereit, um per Telefon, Videokonferenzen und digitalen Austausch Diagnosen durchzuführen und Probleme zu lösen. Wir haben sogar unsere technischen Zentren mit minimalen Teams besetzt, um sicherzustellen, dass sie im Notfall Zugang zu weiterer Ausrüstung und Diagnosetools haben. Außerdem haben wir Vorkehrungen dafür getroffen, Muster oder Produktionsbeispiele zur weiteren Beurteilung per Kurier zu versenden.

Wie können Druckunternehmen Ihrer Ansicht nach die Pandemie-Krise erfolgreich überstehen?

Alle unsere Kunden sind im Verpackungsdruckgeschäft aktiv. Sie sind damit ein wesentlicher Bestandteil der Lieferkette für Konsumgüter und arbeiten hart, um die Nachfrage nach Etiketten und Verpackungen für Lebensmittel, Getränke und Gesundheitspflegeprodukte zu decken und gleichzeitig für den größtmöglichen Schutz des eigenen Personals zu sorgen. Mit der Notwendigkeit, Produktionsmannschaften zu trennen, separate Schichten zu fahren und in vielen Fällen den Produktionsausstoß zu steigern, sind jene Unternehmen am besten aufgestellt, die beträchtlich in solche standardisierte Produktionsabläufe und Druckverfahren investierten, die nur noch minimale manuelle Eingriffe erfordern und dennoch höchste Erträge liefern. Jetzt zahlt sich mehr denn je der einschneidende Wandel von einem handwerklichen Verfahren hin zu einem wirklichen Fertigungsprozess aus, den wir im Flexobereich in den letzten zehn Jahren mitgestalteten. Zusätzlich engagieren wir uns mehr denn je dafür, die Anwender unserer Kodak-Flexcel-Lösungen auf ihrem weiteren Weg in diese Richtung zu unterstützen.

Mit Kodak Flexcel NX Ultra hat Miraclon im Jahr 2019 einen neuen Prozess zur lösemittel- und VOC-freien Flexodruckplatten-Herstellung auf den europäischen Markt gebracht. Was sind die Leistungsmerkmale dieser neuen wasserbasierten Verfahrenstechnologie?

Mit Flexcel NX Ultra dauert die Herstellung einer druckfertigen Flexodruckplatte weniger als eine Stunde. Sie nutzt dabei die patentierte Kodak Ultra Clean-Technologie. Der Prozessor NX Ultra 35 vereint die Funktionen Belichten, Auswaschen, Trocknen und Finishen in einer einzigen platzsparenden Anlage mit automatischen Reinigungszyklen. Das System verarbeitet Flexodruckplatten in Formatgrößen bis zu 889 x 1219 mm.

Die neue Flexcel NX Ultra-Platte ist in den Stärken 1,14 mm und 1,70 mm erhältlich und für Anwendungen in den Bereichen Etiketten, Pappe/Karton und flexible Verpackungen geeignet. Sie nutzt die Flat-Top-Dot-Struktur, die NX Advantage-Technologie und die patentierte Advanced Edge Definition, die allen Anwendern von Flexcel NX-Systemen zur Verfügung stehen. Mit diesen wasserauswaschbaren Flexodruckplatten lassen sich lösemittel- und wasserbasierte als auch strahlenhärtende Farben verdrucken.

Mit Flexcel NX Ultra-Flexodruckplatten lassen sich lösemittel- und wasserbasierte als auch strahlenhärtende Farben verdrucken
(Quelle: Miraclon)

Ein Kodak Flexcel-System steht im neuen Technologiezentrum von Windmöller & Hölscher in Lengerich, ein weiteres wurde bei Bobst Bielefeld installiert. Worum geht es bei diesen Partnerschaften?

Auf dem Open House “Experience the Future of Flexo” im neuen Technologiezentrum von Windmöller & Hölscher (W&H) stellten wir im März vergangen Jahres erstmals öffentlich außerhalb der USA die neue Flexcel NX Ultra-Lösung vor. W&H beherbergt in seinem Technologiezentrum ein „Flexo Plate Center“, wo diese Technologie zur Herstellung wasserauswaschbarer Flexodruckplatten sowohl W&H als auch Miraclon für Kundendemonstrationen und Anwendungsentwicklungen dauerhaft zur Verfügung steht.

Im „Flexo Center of Excellence“ von Bobst Bielefeld ist in der Druckvorstufe der Plattenbelichter Kodak Flexcel Wide 4260 für die Fertigung lösemittelbasierter Flexcel NXH-Flexodruckplatten installiert. Mit unseren patentierten Plattentechniken, die einen kontrollierten und für definierte Druckbedingungen optimierten Farbtransfer ermöglichen, unterstützt Miraclon die speziellen Herausforderungen im Druck mit festem Farbsatz bzw. im erweiterten Farbraum (ECG – Extended Color Gamut).

Wie viele Kodak Flexcel Ultra-Verarbeitungssysteme wurden bislang weltweit installiert?

Windmöller & Hölscher waren U. Günther GmbH in Hamburg und Fleksograf studio prepress im polnischen Drużyna bei Poznań (Posen) sind die ersten Anwender des neuen Flexcel Ultra-Systems in Europa. Mit diesen Partnern haben wir die Beta-Tests erfolgreich durchgeführt und treiben gleichzeitig die weitere Entwicklung und Optimierung dieser Systemlösung weiter voran. Aktuell sind weltweit 10 Flexcel Ultra-Anlagen installiert.

Konnten Sie mit Flexcel Ultra die bekannten Probleme mit wasserauswaschbaren Flexodruckplatten lösen? Was sind die Gründe für die schnelle Herstellung von weniger als einer Stunde pro Platte?

Bei den bisher am Markt bekannten Lösungen ist das Auswaschen bzw. das Reinigen dieser Flexodruckplatten ein wesentliches Problem. Die bisherigen Zusätze im Wasser ähneln denen von Spülmaschinenreinigern (Sodium/Sulfat-basierte Reiniger). Zudem sind solche Batch-Prozesse weniger produktiv und führen zu Instabilitäten bei der Plattenherstellung, was wiederum die Wiederholbarkeit und die Produktivität negativ beeinflusst. Dies führt immer wieder zur unerwünschten Ablagerung von Fotopolymerresten und Bestandteilen der LAMS-Schicht auf der Plattenoberfläche. Auch baut sich das ausgewaschene Polymer im Wascher auf, was regelmäßige Reinigungen mit dem damit verbundenen hohen zeitlichen Aufwand erforderlich macht.

Mit unserer patentierten Ultra Clean-Technologie haben wir diese grundsätzlichen Probleme bei der Verarbeitung wasserauswaschbarer Flexodruckplatten gelöst. Der umweltfreundliche Waschzusatz basiert auf pflanzlichen Rohstoffen und enthält ungesättigte Fettsäuren. Das Entscheidende dabei ist: Ultra Clean trägt zur dispersen Verteilung der ausgewaschenen Fotopolymere im Wasser bei. Dies vermeidet Polymerkonglomerate und damit deren Ablagerung auf der Plattenoberfläche und im Wascher. Im Unterschied zu herkömmlichen Lösungen verdoppelt sich durch den Einsatz von Kodak Ultra Clean die Auswaschgeschwindigkeit sowie die Fähigkeit, das Polymer dispers in der Auswaschlösung zu halten. Zusammen mit den bereits erwähnten Vorteilen dauert die Produktion einer Flexodruckplatte Flexcel NX Ultra Flexcel Ultra weniger als 60 Minuten.

Ist es denkbar, dass Miraclon sein Portfolio um das thermische Verfahren erweitern wird?

Das thermale Verfahren ist für Miraclon keine Option und überzeugt uns nicht. Zwar ist es ein lösemittelfreier und damit einfach anwendbarer Prozess mit kurzer Produktionszeit für die erste Flexodruckplatte, doch die geringere Druckqualität und Performance auf der Druckmaschine gaben für uns den Ausschlag. Daher haben wir diese Technologie nicht in unser Portfolio aufgenommen. Außerdem besteht das Nonwoven-Material zur Entfernung des nichtbelichteten Fotopolymers aus erdölbasierten Rohstoffen, das nach einmaligen Gebrauch entsorgt werden muss.

Kodak hatte vor Jahren eine Laseranlage für die Direktstrukturierung von Elastomer-Flexo-Runddruckformen am Markt. Warum wurde das Projekt eingestellt?

Wir stellten die Produktion des Diodenlasers Flexcel Direct im Jahr 2018 ein, weil direktgelaserte Flexo-Runddruckformen sich nur in speziellen Anwendungsgebieten durchsetzen konnten. Auf der anderen Seite baute die Flexodruckplatte ihren Marktanteil in den vergangenen Jahren massiv aus. Innovationen von Miraclon, wie zuletzt das umweltfreundliche Kodak Flexcel NX Ultra zur Herstellung wasserauswaschbarer Platten für den hochqualitativen Flexodruck, leisten dazu einen großen und entscheidenden Beitrag. Dabei griff Miraclon auch auf Forschungsergebnisse und Erkenntnisse aus der Praxis zurück, die im Verlauf der Entwicklung des Flexcel Direct-Systems gewonnen wurden.

Wo sehen Sie die größten Potenziale für die zukünftige Entwicklung von Miraclon?

Ein Rückblick auf die vergangenen zehn Jahre macht deutlich, wie sehr Flexcel NX die Industrie verändert hat. War der Flexodruck bislang ein sehr handwerklich geprägtes Verfahren, so wandelt er sich zunehmend zu einem automatisierten Herstellungsprozess. Dies ist für die Verbesserung von Qualität und Produktionseffizienz von großer Bedeutung, denn unser Handeln ist stets darauf ausgerichtet, unseren Kunden im Verpackungsdruck die bestmögliche Verpackungen zu liefern.

Dies bedeutet jedoch auch, den Flexodruck gegenüber den Verfahren Tiefdruck und Offset weiter zu stärken, was nach unserer Einschätzung für alle Marktteilnehmer mit großen Vorteilen verbunden ist. Doch all diese Aktivitäten haben gerade erst begonnen. Wir arbeiten an vielen Projekten für unsere Branche und wir sind überzeugt, dass sich die damit verbundenen verfahrenstechnischen Verbesserungen positiv auf Qualität und Produktionseffizienz auswirken werden.

Als eigenständiges Unternehmen verfügen wir über die Flexibilität, die Bedürfnisse unserer Kunden noch besser zu erkennen und diese im weiteren Verlauf unserer Entwicklungstätigkeit noch besser gerecht zu werden.

Doch auch für das Verfahren selbst ist dies von Vorteil. Denn es bedeutet, dass der Flexodruck zweifellos zu einem Premium-Herstellungsverfahren im Verpackungsdruck wird. Das ist gut für unsere Kunden und beschert Miraclon  aufregende und ereignisreiche Zeiten.

 

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