Interview mit Dr. Andreas Kraushaar

„Die Fogra ist die ‚Stiftung Warentest‘ in der Druckindustrie“

Dr. Andreas Kraushaar (Quelle: Fogra)

Mit Dr. Andreas Kraushaar sprach die Redaktion von Flexo+Tief-Druck über aktuelle Entwicklungen und Herausforderungen in der Druckindustrie, Farbmanagement, Digitaldruck, Normen und Standardisierung sowie über die Arbeit des Forschungsinstituts Fogra. Kraushaar verantwortet als Abteilungsleiter bei der Fogra in München den Bereich „Druckvorstufe“.

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von Ansgar Wessendorf

Das Fogra Forschungsinstitut für Medientechnologien e. V. verfolgt den Zweck, die Drucktechnik in den Bereichen Forschung und Entwicklung zu fördern und die Ergebnisse für die Druckindustrie nutzbar zu machen. Zu diesem Zweck unterhält der Verein ein eigenes Institut mit rund 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, darunter Ingenieure, Chemiker und Physiker.

 

Herr Dr. Kraushaar, können Sie unseren Lesern bitte kurz die Fogra und deren Zielsetzung beschreiben?

Dr. Andreas Kraushaar: Die Fogra ist die „Stiftung Warentest“ in der Druckindustrie – eine einmalige Kombination aus anwendungsnaher Forschung und herstellerunabhängiger Prüfung und Zertifizierung. Wir schauen aktiv auf die Probleme in unsere Branche und erforschen gemeinsam mit der gesamten Wertschöpfungskette praxisnahe Lösungen auf dem aktuellen Stand der Technik hin. Daraus entwickeln wir Branchenstandards wie den Prozessstandard Digitaldruck (PSD) oder das Softproof-Handbuch oder viele ISO-Normen, nach denen dann weltweit einheitlich geprüft werden kann. Dieser Mix ist das Erfolgsrezept der Fogra.

 

An welchen Forschungsprojekten arbeiten Sie aktuell?

Dr. Andreas Kraushaar: Gegenwärtig arbeiten wir an der Bewertung der Druckkopfhomogenität im Highspeed-Inkjetdruck, am Mehrfarbendruck, der Verbesserung der Lesbarkeit von Strichcodes sowie an der Verbesserung der Farbgenauigkeit beim 3D-Figuren- und Prototypenbau.

 

Was sind Ihrer Ansicht nach die derzeit größten Herausforderungen für die Druckindustrie?

Dr. Andreas Kraushaar: Die größte Herausforderung ist meiner Meinung nach, die vorhandenen Prozesse hinsichtlich der Digitalisierung sauber und vollständig zu analysieren und zu beschreiben – und für die Umsetzung die vorhandenen Mitarbeiter zu motivieren bzw. neue zu gewinnen.

 

Die Fogra wird als ein sehr renommiertes Forschungsinstitut wahrgenommen, bei dem der Offsetdruck für den Akzidenzbereich im Mittelpunkt steht. Welchen Stellenwert nimmt der Verpackungs- und Etikettendruck mit den Verfahren Flexo- und Tiefdruck in Ihrer Forschungsarbeit ein?

Dr. Andreas Kraushaar: Das stimmt, gegenwärtig behandeln wir diese Themen lediglich aus Materialperspektive. Wir messen und bewerten die Druckfarben und Bedruckstoffe nach den einschlägigen Standards. Durch die herausstechende Kompetenz im Farbmanagement und neuerdings im prozessübergreifenden Mehrfarbendruck wollen wir auch die Prozessfragestellungen näher in den Fokus rücken. Beispielsweise beschreibt ein aktueller Fogra-Sonderdruck den Einsatz von Inline-Spektralfotometern mit Fokus auf dem Flexo- und Verpackungstiefdruck.

 

Die Normfamilie ISO 12647 regelt die Standard-Druckbedingungen für diejenigen Verfahren, deren Normteile regelmäßig von Fachexperten überarbeitet werden. Welche Passagen und Inhalte erfahren aktuell eine Revision und warum ist das notwendig?

Dr. Andreas Kraushaar: Die ISO an sich macht inhaltlich gar nichts! Sie gibt nur den Rahmen vor und lässt die mit dem weltweiten Regelwerk agieren, die sich dafür engagieren. Sie könnten also sagen: „Jede Branche bekommt die Standards, die sie verdient.“ Zu dem Regelwerk gehört nach fünf Jahren die Abfrage, ob ein Standard bestätigt, überarbeitet oder zurückgezogen werden soll. In diesem Kontext können die involvierten Experten Empfehlungen geben, wobei letztlich jedes Land mit einer Stimme darüber entscheidet. Die deutsche Stimme wird im DIN-NDR-Gremium gebildet, zu dem jeder Interessierte Zugang erhält.

 

Der Normteil 6 der ISO 12647 hat den Flexodruck zum Gegenstand. Welche Vorschläge zur Änderung und Ergänzung stehen hier zur Diskussion? Mit welchen Experten haben Sie diesbezüglich zusammengearbeitet?

Dr. Andreas Kraushaar: Von deutscher Seite gibt es in meiner 15-jährigen Erfahrung als Obmann keinerlei Beiträge. Maßgeblich haben diesen Normteil Experten aus den USA – insbesondere von der FTA unterstützte Fachleute – sowie Italien auf die Beine gestellt. In der anstehenden Überarbeitung geht es zunächst um die Prozesskalibrierung mittels SCTV anstatt der etablierten Murray-Davies basierten Tonwertberechnung.

 

Wie sehen Sie die weitere Entwicklung des Digitaldrucks, insbesondere im Bereich der Verpackungsherstellung? Wird er eines Tages die konventionellen Druckverfahren verdrängen?

Dr. Andreas Kraushaar: Er wird zunehmen Fahrt aufnehmen, neue bisher unbekannte Anwendungen ermöglichen und freilich auch von den konventionellen Verfahren Marktanteile abgreifen. Eine Verdrängung sehe ich nicht in den kommenden fünf bis zehn Jahren.

 

Wie verändert der Digitaldruck das Farbmanagement von (Verpackungs-) Druckereien? Was muss bei der Einführung digitaler Verfahren in derartigen Druckbetrieben beachtet werden?

Dr. Andreas Kraushaar: Ich kann die Etablierung eigener Hausstandards und die dadurch notwenigen Aufwände für die Datenumhebung und -anpassung der Kundendaten gut nachvollziehen. Letztlich sind wir aber alle im gleichen Rennen und müssen entscheiden, ob wir vorne, im Mittelfeld oder eben hinten mitfahren wollen. Als Fogra sprechen wir nur diejenigen an, die Qualität an erster Stelle geschrieben haben. Moderne Tools zur Profilierung und zunehmender Inline-Farbmessung ermöglichen eine zunehmende Automatisierung der Farbmanagement-Prozesse – aber damit sind wir wieder bei den großen Herausforderungen, die es zukünftig zu bewältigen gilt.

 

Inwiefern ist „Industrial Printing“ und „Gedruckte Elektronik“ für die Fogra ein Thema?

Dr. Andreas Kraushaar: Ich forsche da, wo unserer Branche der Schuh drückt und freilich auch dort, wo es spannend ist. Ich lade alle Interessierten ein, an unseren Sitzungen der jeweiligen Technischen Beiräte (TB) teilzunehmen. Dort wird priorisiert, in welchen Bereichen die Fogra in den verschiedenen Bereichen aktiv werden soll. Schließlich haben wir als Forschungsinstitut auch den Anspruch, Akzente zu setzen.

 

Zum Abschluss unseres Interviews möchte ich Sie bitten, folgenden Satz zu ergänzen: Die Fogra ist für die Verpackungsdruckindustrie…

Dr. Andreas Kraushaar: Ein zunehmend agilerer Partner im Hinblick auf Weiterbildung, Gutachtendurchführung und gemeinsame Forschungsvorhaben.

Herr Dr. Kraushaar, die Redaktion von Flexo+Tief-Druck bedankt sich für das Interview.

 

Info: Wer ist die Fogra?

Die Fogra ist ein anerkanntes, unabhängiges Forschungsinstitut für die Druck- und Medienindustrie in Deutschland mit internationaler Ausstrahlungskraft. Sie ist eine gemeinnützige Organisation, deren rund 800 Mitglieder kleine, mittlere und große Unternehmen sind, die das gesamte Branchenspektrum repräsentieren – vom Anlagenbau bis zur Produktion von Print- und elektronischen Medien. Das Institut bringt Technologieforschung mit praxisnaher Anwendung zusammen und entwickelt beispielsweise sowohl objektive Mess- und Prüfverfahren als auch Prozessstandards. Der Dienstleister führt Prüfungen durch, berät Unternehmen zu Qualitätsfragen und schlichtet in fachlichen Streitfällen. [4631]

 

 

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