Fogra: Colour Management Symposium 2020

„Die digitale Transformation wird niemals abgeschlossen werden“

Dr. Andreas Kraushaar: „Das Farbmanagement ist sehr flexibel und kann auch mit Drucken auf beispielsweise Graspapier zurechtkommen." (Quelle: Fogra)

Dr. Andreas Kraushaar ist Leiter der Druckvorstufentechnik bei der Fogra. Er hat zahlreiche praktische und wissenschaftliche Veröffentlichungen unter anderem zum Thema „Farbmanagement“ veröffentlicht und ist maßgeblich an der Umsetzung des Prozessstandards Digitaldruck (PSD) beteiligt. Die Redaktion von Flexo+Tief-Druck sprach mit ihm über aktuelle Themen im Verpackungsdruck: Recycling, Digitalisierung und Farbmanagement.

Herr Dr. Kraushaar, derzeit steht die Verpackung – insbesondere die flexible Kunststoffverpackung – im Mittelpunkt einer öffentlichen Diskussion, die sehr emotional und nicht immer mit Sachargumenten geführt wird. Vor allem Forderungen wie „100% Kreislaufwirtschaft“, „Recycelbare Verpackungen“ und „Neue Materialien“ kennzeichnen diese Debatte.

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Wie nimmt die Fogra als führendes Forschungsinstitut für Druck- und Medientechnologie diesen Strukturwandel in der Verpackungsindustrie wahr?
Dr. Andreas Kraushaar: Wir hören von unseren Mitgliedsbetrieben verstärkt den Wunsch nach „grüneren“ Produkten. Auffällig ist, dass dieser Wunsch sehr abstrakt geäußert wird und oft keine konkreten Anforderungen hinter einer solchen Anfrage stehen. Daher ist der Druckdienstleister in der Pflicht, mit möglichst geringen Zusatzkosten ein möglichst „grünes“ Produkt anbieten zu können. Und bei diesem Anspruch unterstützen wir Maschinenhersteller und Druckdienstleister auf vielfältigen Wegen, z. B. mit der Energieeffizienzmessung ihrer Druckmaschinen, der Lastgangmessung oder auch der Untersuchung hinsichtlich eventuell vorhandener schädlicher Stoffe in den eingesetzten Materialien.

Welches Feedback bekommen Sie von den Druckern und aus der Zulieferindustrie zu diesem Thema?
Dr. Andreas Kraushaar: Auf der Fachpack haben mir einige Druckdienstleister erzählt, dass man an der Optimierung der Nachhaltigkeit auf allen Ebenen mittel- und langfristig nicht mehr vorbeikommen wird.

Können Sie schon abschätzen, wie sich diese Veränderungen auf den Verpackungsdruckprozess auswirken werden?
Dr. Andreas Kraushaar: Leider nicht, dafür bin ich in dieses Thema noch zu wenig involviert.

Umweltfreundliche Verpackungen und nicht zuletzt die steigenden Anforderungen an ihre Recyclingfähigkeit durch das novellierte Verpackungsgesetz bringen neue oder modifizierte Substrate hervor, die bei ihrer Bedruckung und Veredelung andere Eigenschaften aufweisen.
Wie muss ein Farbmanagement grundsätzlich organisiert sein, um Farbprofile mit möglichst geringem Aufwand entsprechend anzupassen und somit ein konsistentes Druckergebnis gewährleisten zu können?
Dr. Andreas Kraushaar: Das Farbmanagement ist da sehr flexibel und kann auch mit Drucken auf beispielsweise Graspapier zurechtkommen. Es geht darum, die Prozesse und die eingesetzten Materialien stabil bzw. in engen Grenzen zu halten. Anschließend muss man freilich das Handwerk verstehen und in der richtigen Reihenfolge die richtige Schritte der Charakterisierung und Profilierung durchführen. Dazu gibt es ja eine Menge an Schulungen und Informationsmaterial, nicht nur von der Fogra.

Am 12. und 13. Februar 2020 findet wieder das von der Fogra veranstaltete, internationale Colour Management Symposium (CMS) statt.
Worauf können die Teilnehmer gespannt sein?
Dr. Andreas Kraushaar: Ich freue mich sehr auf dieses Highlight im drupa-Jahr, da es meines Wissens das einzige ist, in dem nur Anwender und keine Hersteller referieren. Teilnehmer können sicher sein, den richtigen Mix aus anwendungsnahen Praxistipps und dem entsprechenden technischen Hintergrund vermittelt zu bekommen. Die Vernetzung kommt dabei auch nicht zu kurz, da unter anderem durch das unmittelbar vorher stattfindende ICC (International Color Consortium) Meeting auch alle relevanten Farbprofis vor Ort sind. Die Schwerpunktthemen sind diesmal der Mehrfarbendruck (ECG), der digitale Textildruck und freilich die „normalen“ Herausforderungen im alltäglichen Farbmanagementgeschäft.

Ein Schwerpunktthema des Symposiums wird die Umsetzung des Mehrfarbendrucks (Fixed Colour Palette) der beiden führenden Verpackungsdruckverfahren Flexo- und Tiefdruck sein.
Sehen Sie reelle Chancen, dass sich im Verpackungsdruck die Mehrfarben-Separation gegenüber der gängigen „CMYK + Sonderfarben“-Separation durchsetzen wird?
Dr. Andreas Kraushaar: Die Durchsetzung wird 1:1 mit dem entsprechenden Anforderungsprofil skaliert. Je moderater die Qualitätsanforderungen sind, desto schneller wird sich ECG durchsetzen. Wir sehen das schon in den USA, aber zunehmend auch in Deutschland bzw. Europa.

Was sind nach Ihrer Ansicht die größten Hindernisse, die noch aus dem Weg geräumt werden müssen?
Dr. Andreas Kraushaar: Die Herausforderungen verteilen sich auf die gesamte Wertschöpfung. Es beginnt bei der möglichst schnellen Entscheidung für ECG oder CMYK+ Sonderfarbe auf Basis sogenannter Multicolor-Reports. Hier fehlt noch die Anbindung an das MIS, so dass die Entscheidung oft manuell getroffen wird. Dazu kommt noch das mangelnde Wissen über die genaue Referenz der zu druckenden Sonderfarbe. Oft ist nur ein Name gegeben und alles andere unterliegt dem „educated guess“. Weiter geht es mit den Methoden der Datenumgebung, hier fehlen noch automatische Lösungen, die auf die speziellen Anforderungen im Flexo- und Tiefdruck eingehen.
Im Offset- und Digitaldruck ist man hier schon sehr weit. Dies zeigt das aktuell laufende Fogra Multicolor Forum, das in seiner zweiten Auflage den Stand der Technik neutral zusammenfasst. Letztlich ist es freilich die konkrete Auswahl der Druckmaterialien, insbesondere der Druckfarben mit ihren unterschiedlichen Druckverhalten samt den jeweils geforderten Echtheiten.

Seit dem ersten März 2019 läuft das vom Bundeswirtschaftsministerium geförderte Fogra-Projekt, das die Farbkommunikation für erweiterte Farbräume im Mehrfarbendruck untersuchen soll.
Was sind die konkreten Ziele dieses Projekts? Können Sie unseren Lesern schon erste Ergebnisse präsentieren?
Dr. Andreas Kraushaar: Hier soll es zum einen eine Art „Altona Test-Suite“ geben, welche allen im ECG-Designprozess Beteiligten aufzeigen soll, was ihre jeweilige Softwareumgebung kann bzw. wo es noch Lücken gibt, die es dann z. B. mit PlugIns zu füllen gilt. Das ist allerdings noch in der Entwicklung. Zum anderen soll ein 7C- und gegebenenfalls ein 6C-Austauschfarbraum entwickelt werden. Interessierte können sich auf der Themen-Webseite www.fogra.org/ECG/ informieren und dort erfahren, wie man das Projekt aktiv unterstützen kann – z. B. durch Einschleusen unserer ECG-Kontrollkeile in aktuelle Produktionen. Ein weiteres aktuelles Thema auf dem CMS-Symposium ist „1st time right“ im Verpackungsdruck.

Warum nimmt die Farb-Abmusterung an der Druckmaschine oft noch immer viel Zeit und Ressourcen (Personal, Substrat, Farbkorrektur) in Anspruch?
Dr. Andreas Kraushaar: Es ist wie in der Ehe, man redet zu wenig miteinander. Konkret geht es um die Kommunikation der Druckbedingung, also dem jeweils gewünschten Fogra-Standard oder auch der Material- und Druckbedingung im Falle von individuellen Druckkombinationen.

Wie beurteilen Sie den derzeitigen Stand der digitalen Transformation im Verpackungsdruck?
Dr. Andreas Kraushaar: Jeder hat sie mehr oder weniger auf dem Radar, weiß aber nicht genau, was er damit machen soll. Sicher wird sie zuerst durch die Hersteller in der Zulieferbranche im Rahmen der vorhersehenden Wartung oder der Unterstützung in der Online-Kommunikation genutzt. Wir vermitteln dem Drucker sowohl KI-Beispiele nach „innen“, also die Verbesserung der Auftragsabwicklung, der Produktion und Logistik, als auch nach „außen“ mit Beispielen für die Umsatzstabilisierung bzw. –erhöhung mittels Marketing-Automation und weiterer Möglichkeiten.

Welchen Chancen ergeben sich dadurch für den Verpackungsdrucker?
Dr. Andreas Kraushaar: Wir sehen die Chancen zunächst in der Optimierung der vorhandenen Prozesse, bevor diese dann digitalisiert werden. Digitale Unternehmen differenzieren sich über Ideen, Daten und Kundenbeziehungen und verstehen genau, was der Kunde möchte.

Wie wird nach Ihrer Ansicht der Verpackungsdruck aussehen, wenn die digitale Transformation eines Tages abgeschlossen ist?
Dr. Andreas Kraushaar: Die digitale Transformation wird niemals abgeschlossen werden. Es ist ein kontinuierlicher Prozess. Mit unserem Symposiums- und Seminar-Angebot versuchen wir die, Angst vor der Digitalisierung zu nehmen, um dieser Transformation mit offenen Augen zu begegnen und nicht voller Unsicherheit jedem weiteren Technologiesprung entgegen zu sehen.

Colour Management Symposium- Jetzt anmelden!
Am 12. und 13. Februar 2020 lädt die Fogra zum internationalen Colour Management Symposium nach München ein, das alle zwei Jahre stattfindet. Weltweit anerkannte Experten aus der Forschung und Entwicklung sowie ausgewiesene Praktiker geben in insgesamt 21 Vorträgen Auskunft über die neuesten Erkenntnisse und Produkte auf dem Gebiet des Farbmanagements.
Schwerpunktmäßig befassen sich die sieben Themenblöcke mit der Verbesserung der digitalen Farbkommunikation entlang der Wertschöpfungskette, den Möglichkeiten und Herausforderungen des Mehrfarbendrucks für eine stabile und standardisierte Verpackungsproduktion, dem Highspeed-Inkjet-Verpackungsdruck, dem digitalen Textildruck und dem Farbproofing.