150 Jahre W&H - mit Bildergalerie

Alles begann mit einer Spitztütenmaschine

Die Spitztütenmaschine (Quelle: W&H)

Windmöller & Hölscher (W&H) aus Lengerich feiert in diesem Jahr sein 150-jähriges Jubiläum. Die Geschichte des Familienunternehmens ist auch die Geschichte des Maschinenbaus für flexible Verpackungen. Heute besteht W&H aus den drei Geschäftsbereichen Extrusion, Druck und Verarbeitung.

Die erfolgreiche Firmengeschichte von W&H begann mit einer Spitztütenmaschine (W&H)
Mehrzylinder-Flexodruck-Brückenmaschine Olympia 990 (Quelle: W&H)
Sechsfarben-Zentralzylinder-Flexodruckmaschine Olympia 736 (Quelle: W&H)
Großbauteilfertigung in den 50er Jahren (Quelle: W&H)
Die neueste Innovation von W&H in Sachen Zentralzylinder-Flexodruckmaschinen ist die Novoflex II (Quelle: W&H)
Heliostar II ist die aktuelle Tiefdruckmaschinen-Generation von W&H (Quelle: W&H)
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Am 01. Oktober 1869 gründeten der Erfinder Hermann Hölscher und der Kaufmann Gottfried Windmöller zusammen die Papierwarenfabrik Windmöller & Hölscher in Lengerich – in unmittelbarer Nähe des heutigen Hauptsitzes. Mit vier Mitarbeitern produzierten die Schulfreunde in Handarbeit Papiertüten zum Verpacken von Waren für Kaufleute und Falzkapseln zum Verpacken von Medikamenten für Apotheker. Um die mühsame Handarbeit zu ersetzen, begann Hermann Hölscher eine Maschine zu entwickeln. Nach zahlreichen Versuchen und Verbesserungen meldete er 1877 die erste „Spitztütenmaschine“ zum Patent an. Kurz darauf begann W&H neben Papierwaren auch Maschinen zu verkaufen. Zu den Tütenmaschinen kamen bald auch Druckmaschinen hinzu. Sie ermöglichten es, die Tüten zu beschriften und Reklame aufzudrucken. Maschinen von W&H wurden bereits zur Jahrhundertwende weltweit gekauft. 1892 kommt ein Drittel des Umsatzes aus dem Verkauf von Maschinen, der Rest noch aus der Papierwarenherstellung. Bereits 1913 konzentrierte sich W&H dann ganz auf den Maschinenverkauf. Die eigene Produktion diente nur noch zur Erprobung der entwickelten Maschinen. Heute ist W&H als Technologie- und Marktführer auf der ganzen Welt für seine Maschinen zur Herstellung flexibler Verpackungen bekannt.

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Von der ersten Spitztütenmaschine zu Packaging 4.0

Heute sind Maschinen selbstverständlich Teil unserer Welt. 1869, als die Geschichte von W&H beginnt, ist die erste Industrialisierung in vollem Gange. Die ersten Maschinen, die Hermann Hölscher für die eigene Papierwarenproduktion entwickelte, wurden per Hand bedient. Die Anschaffung einer 1 PS Dampfmaschine war die erste größere Investition des Unternehmens. Während auf den ersten Tüten und Beuteln maximal der Name des Händlers aufgedruckt war, kam schon bald der Wunsch nach mehr Reklamedruck. Die erste eigenständige Druckmaschine entwickelte W&H dafür 1888. Rund 40 Papierbeutel pro Minute produzierten die ersten W&H Maschinen – deutlich mehr als sich in der Zeit per Hand falten lassen. „Viele Prinzipien dieser ersten Maschinen bilden noch bis heute die technologische Grundlage. Insgesamt hat sich die Leistung der Maschinen von damals zu heute vervielfacht: Bis zu 2400 Papierbeutel pro Minute produziert eine W&H Beutelmaschine heute“, erklärt CEO Dr. Jürgen Vutz. Hergestellt werden die Papierbeutelmaschinen seit 1973 von Tochterfirma Garant, die ebenfalls in Lengerich zuhause ist.

Vom Beutel zum Sack

Nach dem ersten Weltkrieg veränderte sich der Verpackungsmarkt: Jute als Rohstoff für große Säcke war so gut wie nicht verfügbar. Alternativen mussten her, um Großsäcke, z.B. für Zement und Sand, weiter herstellen zu können. Beutelmaschinenspezialist W&H wand sein Wissen an und erfand 1928 eine Maschine für industrielle Großsäcke. Die ersten Maschinen erfüllten jedoch nicht die Anforderungen des Marktes an Stabilität und Qualität der Säcke. In enger Zusammenarbeit mit dem Lengericher Unternehmen Bischof + Klein, bereits damals Nachbar von W&H in Lengerich, entwickelten die Ingenieure die Maschine weiter und schufen so die Grundlage der heutigen Papiersacktechnologie. „Bis heute ist W&H weltweit Marktführer für Maschinen zur Herstellung von Säcken. 90% aller hochwertigen Papierzementsäcke weltweit werden auf W&H Maschinen hergestellt“, erläutert Vutz.

Im zweiten Weltkrieg wird die Maschinenproduktion eingestellt und kriegswichtige Güter hergestellt. Nach Ende des Krieges steht W&H zunächst auf der Demontageliste. Kurze Zeit später erhält das Unternehmen doch noch die Erlaubnis zur Wiederaufnahme des Betriebs und beginnt wieder mit der Entwicklung und dem Bau von Maschinen.

 Flexo- und Tiefdruckmaschinen bringen mehr Farbe

Anfang der 50iger Jahre wurde die Verpackungswelt wieder ein Stück bunter: W&H entwickelt die ersten Druckmaschinen für flexible und besonders dünne Materialien, die sich bislang nur schwer bedrucken ließen. Mit der weltweit ersten Zentralzylinder-Flexodruckmaschine legte W&H 1954 erneut den Grundstein für eine Technologie, die im Markt der flexiblen Verpackung heute zum Standard geworden ist.

Die erste Zentralzylinder-Flexodruckmaschine Olympia 1275 baute Windmöller & Hölscher für einen Kunden aus den USA zur Bedruckung von Zellglas. Zuvor war 1948 mit der Olympia 990 die erste Brücken-Flexodruckmaschine vorgestellt worden. Allerdings war die Anilindruckmaschine noch mit einem Mehrzylinderdruckwerk ausgestattet. Bis Anfang der 90er Jahre dominierten die „grünen Maschinen“ – unter anderem die legendäre Zentralzylinder-Reihe Olympia – den internationalen Flexodruckmarkt.

Um das Jahr 1990 lief bei W&H die Ära der „grünen Maschinen“ mit der Olympia 716 aus. Das Unternehmen stellte zu diesem Zeitpunkt die „schwarz-weiße“ Olympia Starflex vor, eine in Design und Konstruktion maßgebende Zentralzylinder-Flexodruckmaschine, in der kontinuierlich immer die neuesten technischen Detaillösungen integriert wurden.

Die 1992 erstmals vorgestellte Soloflex ist weiterer Meilenstein in der Geschichte der Flexodruckmaschinen von W&H. Sie war die erste Zentralzylinder-Druckmaschine bei der die Sleevetechnologie eingesetzt wurde. Als „kleine“ Maschine war sie als Ergänzung in einem umfangreich ausgestatteten Druckmaschinensaal angedacht, um weniger lukrative und kleine Aufträge in einer Qualität wie auf den „großen“ Maschinen wirtschaftlich herstellen zu können.

Ein Vorreiterrolle nahm W&H auch ein, als 1993 mit der Novoflex erstmals eine direktangetriebene Serienmaschine der Fachwelt präsentiert wurde. Diese Flexodruckmaschine verfügte über separate Antriebe für Zentralzylinder, Formatzylinder und Rasterwalzen.

Weitere Akzente konnte W&H mit seiner Astraflex setzen. Sie war eine Hochleistungs-Zentralzylindermaschine mit Roboterhandling bei dem Sleeves außerhalb der Maschine auf Stahlformat-Zylinder aufgeschoben und per Roboter frontseitig einfach, schnell und sicher in die mit automatischen Klapplagern ausgestatteten Farbwerke gehoben werden. Ausgerüstet war sie mit dem automatischen Farbversorgungs- und Reinigungssystem Turboclean, das 1996 auf den Markt kam.

Windmöller & Hölscher verfügt auch über eine lange Tradition im Bau von Tiefdruckmaschinen. Schon 1955 entwickelte W&H das Modell Merkur, von dem bis in die 1990er Jahre mehrere hundert Exemplare verkauft wurden. Mit den Nachfolgern Merkur Heliostar und Heliostar 2000 positionierte sich W&H im High-End-Segment des Verpackungstiefdrucks.

Die Basis für die Erfolgsgeschichte der aktuellen W&H-Tiefdruckmaschinen-Baureihe Heliostar wurde bereits schon im Jahr 2004 mit der Neuentwicklung der Heliostar G gelegt. Auf der technischen Seite erfolgten bedeutende Innovationen in den Bereichen Antriebstechnik, Einfärbung, Trocknung und Handling. Mit seiner Leistung bis zu 600 m/min konnte dieses Modell seither in einer größeren Stückzahl für die Bedruckung hochwertiger Verpackungen verkauft werden und stellt auch weiterhin eine wichtige Säule des W&H-Tiefdruckmaschinenprogramms dar.

Kunststoff bringt neuen Geschäftsbereich

Die Einführung von Kunststoff als Material in den sechziger Jahren stellt erneut ein einschneidendes Ereignis dar. Mit dem neuen Material kamen auch neue Herausforderungen: Die Sackmaschinen von W&H verarbeiteten Folie nicht schnell genug. Die Ingenieure von W&H machten sich auf die Suche nach dem Problem und stellten fest: Es sind nicht die Verarbeitungsmaschinen, sondern die Folienqualität, die zu schlechterer Leistung führten. Aus diesem Grund entwickelte W&H die erste Maschine zur Herstellung von Folie. Der Geschäftsbereich Extrusion war geboren. „Heute tragen die Geschäftsbereiche Extrusion, Druck und Verarbeitung jeweils ungefähr gleich viel zum Umsatz von W&H bei“, erklärt Vutz.

Maschinen werden intelligenter

In den 1980er Jahren beginnt mit dem Einsetzen der Computertechnologie ein neues Zeitalter. W&H gehört zu den ersten, die Automations- und Assistenzsysteme für die Maschinen entwickeln. „Früher war der Wert der Maschine eng verbunden mit Stahl und Eisen. Heute haben häufig die Programme und Systeme viel mehr Nutzen für den Bediener. Beispielsweise unterstützen unsere Druckmaschinen bei der richtigen Farbabmischung oder beim Anfahren der Maschine“, erklärt der CEO. W&H hat die Evolution der Maschine Packaging 4.0 genannt. Angelehnt an Industrie 4.0 ist damit die zunehmende Digitalisierung der Produktion gemeint. „Unsere Maschinen unterstützen schon lange den Bediener bei der Arbeit. Im nächsten Schritt sind die Maschinen der Produktionskette miteinander verknüpft und geben Informationen direkt aneinander weiter. Das macht die Produktion effizienter, schont Rohstoffe. Seit 150 Jahren sind wir Maschinenbauer für den Markt der flexiblen Verpackung – als Technologieführer werden wir auch seine Zukunft aktiv mitgestalten“

 Seit seiner Gründung 1869 ist W&H in Lengerich zuhause. Bereits die ersten angemieteten Gebäude waren unweit des heutigen Hauptsitzes in der Münsterstraße. Heute entwickelt und produziert W&H auf rund 120.000 Quadratmetern in vier Werken in Lengerich und in Antrup. Der Erfolg des Unternehmens war jedoch ebenso früh schon international. Bereits 1880 belieferte W&H 50 internationale Kunden. Genauso lang machen sich W&H Mitarbeiter von W&H aus auf Reise in die ganze Welt. Ein Pass von 1893 zeugt von einem der ersten Serviceeinsätze: Monteur Wilhelm Hoppe reiste per Dampflok und Schiff mit einer Papierbeutelmaschine 2.000 km von Lengerich nach Bukarest.

Bereits im 19.Jahrhundert beginnt W&H mit dem Aufbau eines weltweiten Vertriebsnetzwerkes mit der ersten Vertretung in Schweden. 1967 exportierte W&H in 42 Länder. Die erste eigene Vertriebstochter wird 1971 für die Benelux-Länder gegründet. Weitere Töchter auf der ganzen Welt folgen. Heute zählen rund 5.000 Kunden auf allen Kontinenten zu den Partnern von W&H. Über 95% des Umsatzes von W&H kommt aus dem Export. „Unsere internationale Aufstellung hat viele sehr positive Seiten. Zum einen sind unsere weltweiten Töchter und langjährigen Vertretungen die Voraussetzung für eine große Kundennähe, die W&H schon immer ausmacht. Zum anderen können wir durch unsere breite Aufstellung Schwankungen in einzelnen Märkten leichter ausgleichen“, erläutert Vutz. Auf der anderen Seite seien freier Handel und offene Grenzen für W&H Voraussetzung für den Erfolg.

Seit 2005 produziert das Unternehmen Module für die Maschinen an einem Standort in Tschechien. „Wir müssen als deutscher Maschinenbauer auch preislich mit dem internationalen Wettbewerb standhalten können.“ Am Hauptsitz in Lengerich hielt das Unternehmen über all die Jahre fest und sieht auch seine Zukunft hier – das zeigen besonders die umfangreichen Investitionen in neue Gebäude in den letzten Jahren. [10989]

 

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