Ein Interview mit Dr. Jürgen Vutz, CEO von Windmöller & Hölscher

Von intelligenten Maschinen, Recycling und gedruckter Elektronik

Dr. Jürgen Vutz, CEO von Windmöller & Hölscher (Quelle: Windmöller & Hölscher)

Herr Dr. Vutz, mit welchen Geschäftsmodellen und Produktlösungen wird Windmöller & Hölscher (W&H) in den nächsten Jahren Wachstum generieren?

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Dr. Vutz: Als führender Anbieter von Maschinen und Systemen zur Herstellung und Verarbeitung flexibler Verpackungsmaterialien sind wir in der Vergangenheit kontinuierlich organisch gewachsen. Diese Strategie werden wir auch in Zukunft beibehalten. Unsere volle Aufmerksamkeit gilt unseren angestammten Geschäftsfeldern Extrusion, Druck und Verarbeitung. Für die Zukunft sehen wir weiterhin Wachstumspotenziale in diesen Bereichen, auch was den Flexo- und Tiefdruck betrifft. Unser Fokus bleibt auf dem Markt der flexiblen Verpackungen mit seinen besonders hohen Qualitätsanforderungen.

Jedes Jahr gewinnen wir etwa 30% neue Kunden. Diese Zahl verdeutlicht das anhaltend hohe Interesse an Anlagenlösungen von W&H. Das gilt sowohl für die Folienextrusion als auch für Druck und Verarbeitung. Unternehmens-Akquisitionen gehörten bislang nicht zu unserer Wachstumsstrategie – aber für die Zukunft kategorisch ausschließen würde ich auch diese nicht. Uns geht es immer darum, intelligente Lösungen für unsere Kunden im Markt der flexiblen Verpackungen zu schaffen und die Zugänglichkeit zu unseren Maschinen auch im mittleren Marktsegment zu gewährleisten. Das ist unter anderem eine Basis für künftiges Wachstum.

Was verstehen Sie unter Packaging 4.0?

Dr. Vutz: Packaging 4.0 bedeutet für uns: intelligente Maschinen, integrierte Prozesse und intuitive Bedienung. Es ist eine Konkretisierung von Industrie 4.0 für den Markt der flexiblen Verpackung. Packaging 4.0 bedeutet beispielsweise, vorhandene Daten in der Maschine zu nutzen, um Wechselzeiten zu minimieren oder Qualität zu verbessern. Dabei betrachten wir nicht nur die einzelne Maschine, sondern integriert die gesamte Wertschöpfungskette. Um diese komplexe Datenbasis für den Bediener einfach erfassbar zu machen, ist eine intuitive Bedienung wichtig. So wird der Bediener entlastet, weil die Maschine auf Basis von Daten optimiert arbeitet und er trotzdem weiter Überblick und Kontrolle über den Druckprozess behält. Diese konkreten Anwendungen mit hohem Nutzen sind ein Schlüssel zum vierten industriellen Zeitalter, dem wir uns bereits Schritt für Schritt nähern.

Wann wird W&H eine Digitaldruckmaschine für flexible Verpackungen auf dem Markt bringen?

Dr. Vutz: Für uns ist Innovation die Einführung der richtigen Technologie zum richtigen Zeitpunkt. Im Bereich der Etiketten und Akzidenzen ist der Digitaldruck bereits heute eine feste Größe. Die hier eingesetzten Verfahren lassen sich aber nicht ein zu eins auf flexible Verpackungen übertragen. In unserem Hauptsegment, der Folienverpackung für Lebensmittel, besteht weiter die Herausforderung, ein wirtschaftliches und stabiles Digitaldruckverfahren zu entwickeln. Hier sind noch eine Vielzahl von Problemen zu lösen, beispielsweise Bedruckbarkeit, Migration, Produktivität und Kosten. Aktuell sehen wir keine digitalen Lösungen für den Druck und die Veredlung flexibler Folienverpackungen, die den hohen Ansprüchen unserer Kunden genügen. Nach meiner Einschätzung wird sich deshalb auch in den nächsten Jahren der Anteil des Digitaldrucks in der flexiblen Folienverpackung im niedrigen einstelligen Prozentbereich bewegen.

Um sich weiter durchzusetzen, muss der Digitaldruck auch für flexible Verpackungen echte Antworten auf aktuelle technische und wirtschaftliche Herausforderungen bieten. Mit diesem Anspruch setzen wir uns sehr intensiv mit dem Digitaldruck auseinander. Unser Ziel ist es, mit einer funktionierenden und ausgereiften Digitaldruckmaschine an den Markt zu gehen, die die Versprechen des Digitaldrucks auch für die flexible Verpackung einlöst. Daran arbeiten wir.

Wie kann nach Ihrer Ansicht das Problem des Fachkräftemangels gelöst werden?

Dr. Vutz: Druck- und Veredelung sind komplexe Prozesse, für die wir immer hochqualifizierte Spezialisten benötigen werden. Doch genau die gibt es immer weniger. Ein Lösungsansatz kann die intelligente Maschine sein. Zum einen müssen die Herstellungsprozesse im Flexo- und Tiefdruck von Menschen mit unterschiedlichen Qualifikationen beherrschbar sein. Dies erfordert den Einsatz intelligenter Maschinen, die einfach zu bedienen sind und eine stabile Produktion gewährleisten. Die lehrende Maschine unterstützt den Bediener in seiner täglichen Arbeit. Zum anderen können intelligente Maschinen durch automatisierte Prozesse die Bediener von einfachen Tätigkeiten komplett entlasten und mehr Zeit schaffen für komplexe Aufgabenstellungen. Letztendlich geht es darum, den Gesamtprozess zu vereinfachen.

In der neu gegründeten W&H-Academy in Lengerich führen wir unsere Kunden schon vor der Installation in die Bedienung der erworbenen Maschinen ein. Darüber hinaus bieten wir an, auf den Flexo- und Tiefdruckmaschinen in unserem Technikum Versuche mit kundenspezifischen Verbrauchsmaterialien zu fahren. Damit unterstützen wir die unmittelbare Aufnahme der Produktion nach dem Aufbau der neuen Maschine beim Kunden. Neben der intelligenten Maschine ist diese praxisnahe Weiterbildung ein weiterer wichtiger Aspekt, den wir nicht hoch genug einschätzen können.

Welchen Stellenwert haben für Sie Nachhaltigkeit und Umweltschutz im Zusammenhang mit flexiblen Kunststoffverpackungen?

Dr. Vutz: Wir beschäftigen uns sehr intensiv mit den Themen Nachhaltigkeit und Umweltschutz. Es ist gut, dass sich ein stärkeres Bewusstsein für den Umgang mit dem Rohstoff Kunststoff bildet. Wir wünschen uns eine Diskussion, die die Herausforderungen und die Stärken betrachtet. Lassen Sie mich dies an einem Beispiel erklären. Rund 30% der Lebensmittel weltweit verderben und werden damit verschwendet. Dies ist zu einem großen Teil auf schlechte Verpackungen zurückzuführen, weshalb dem Produktschutz größte Bedeutung zukommt. Die Kunststoffverpackung ist Teil der Lösung, nicht des Problems.

Bei der Herstellung von einem Kilogramm Rindfleisch fallen 13,3 Kilogramm CO2 an, während bei der Produktion einer flexiblen Verpackung für ein Kilogramm Rindfleisch etwa 200 Gramm CO2 anfallen. Bei einem Lebensmittelverlust von 30% ist es ein Leichtes auszurechnen, dass sich der Einsatz von flexiblen Verpackungen positiv auf die CO2-Bilanz auswirkt, wenn dabei das wertvolle Gut geschützt wird.

Die große Herausforderung ist es, die Recyclingwirtschaft im Kunststoffbereich in einen geschlossenen Wertstoff-Kreislauf zu transformieren. Kunststoff ist ein zu wertvoller Rohstoff, um ihn energetisch zu nutzen, sprich zu verbrennen. Die Selbstverständlichkeit mit der beispielsweise Altglas und Blechdosen dem Wertstoff-Kreislauf wieder zugeführt werden, obwohl der damit verbundene energetische Aufwand um ein vielfaches höher ist, muss auch beim Kunststoff gelten. Mit den vielversprechenden Entwicklungen, beispielsweise in Richtung sortenreine, recycelfähige Kunststoffverbunde, die dennoch die vielfältigen Barriereanforderungen erfüllen, ist die Branche auf dem richtigen Weg.

Welche Rolle wird in Zukunft die „Gedruckte Elektronik“ für das Massenprodukt Verpackung spielen?

Dr. Vutz: Der Bedarf für mehr Informationen auf der Verpackung ist grundsätzlich gegeben. Der Verbraucher möchte beispielsweise wissen, ob die Kühlkette des verpackten Produktes eingehalten wurde. Derselbe Verbraucher ist aber gleichzeitig auch sehr preissensitiv. Da ist aktuell noch die Lücke zwischen technischen Möglichkeiten und Kosten. Ich bin der festen Überzeugung, dass die Entwicklung weiter voranschreitet wird, wenn auch nicht in der von uns allen erhofften Geschwindigkeit.

Gedruckte Elektronik und Funktionales Drucken werden als Mittel gegen Diebstahl, Produktpiraterie sowie zur Gewährleistung der Lebensmittelsicherheit eingesetzt. Aber dies sind nur Nischenmärkte. Richtig interessant wird es, wenn es gelingt, sie auch für größere Anwendungen einzusetzen. Dies könnte beispielsweise der kassen- und bandlose Supermarkt sein, in dem der Verbraucher mit seinem Einkaufswagen durch ein digitales Tor fährt, um die Produkte im Einkaufswagen direkt zu scannen und dann digital über eine Antenne bargeldlos zu bezahlen. Damit gehören langen Schlangen an den Kassen der Vergangenheit an, weil das ganze Procedere innerhalb weniger Sekunden abgeschlossen ist. Technisch ist das alles schon möglich, aber leider noch nicht bezahlbar. Der Masseneinsatz der Gedruckten Elektronik wird daher zweifellos kommen, allein der Zeitpunkt ist sehr schwer zu benennen.

Wie sehen Sie die zukünftige Entwicklung von Windmöller & Hölscher?

Die Kombination aus Qualität und Innovation hat schon immer die Maschinen von W&H ausgemacht. Mit Packaging 4.0 haben wir uns eine Richtung für zukünftige Entwicklungen gegeben: Wir werden die Intelligenz der Maschine weiter erhöhen, Prozesse auch über die einzelne Maschine hinaus integrieren und den Maschinenführer mit einer intuitiven Bedienung unterstützen. Diese Entwicklungen gehen Hand in Hand mit unserem Greenovation Ansatz, ressourcenschonende und energieeffiziente Druckmaschinen anzubieten, beispielsweise durch einen schnellen Andruck, ein funktionierendes Farbmanagement, weniger Makulaturanfall, eine im Druckprozess eingebundene Peripherie und Fehlervermeidung. Bei den Entwicklungen betrachten wir nicht nur die Druckmaschinen, sondern auch angrenzende Schritte wie Extrusion und Verarbeitung. Eine große Aufgabe, der wir uns in den kommenden Jahren gerne stellen. [2844]

Herr Dr. Vutz, vielen Dank für dieses informative Gespräch.

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