Von Ansgar Wessendorf

Mehr als nur ein Hype – der Mehrfarbendruck

Der Mehrfarbendruck (Multicolordruck) sowohl im konventionellen als auch im digitalen Druck ist zurzeit in aller Munde. Doch Mehrfarbendruck-Systeme (z. B. Hexachrome) zur Darstellung eines erweiterten Farbraums gibt es schon seit Jahrzehnten und sie sind im Prinzip ein alter Hut. In einem Interview sprach die Flexo+Tief-Druck-Redaktion mit Dr. Andreas Kraushaar, Leiter Druckvorstufe bei der Fogra, über das große Interesse an dem Mehrfarbendruck und darüber, welche Herausforderungen für den Verpackungsdrucker konkret damit verbunden sind.

Dr. Andreas Kraushaar (Quelle: Fogra)

Was sind Ihrer Ansicht nach die Ursachen für das derzeit große Interesse an dem Multicolordruck bzw. warum hat sich der Mehrfarbendruck bis jetzt nie richtig durchgesetzt?

Dr. Kraushaar: Der Einsatz des Mehrfarbendrucks zur Erhöhung der Druckbildqualität ist keineswegs neu und wurde bereits in IGF-Verfahren im Jahre 1994 durch die Fogra für den Offsetdruck untersucht. Hohe Lizenz- und Zertifizierungskosten der vorhandenen Systeme, komplizierte und aufwendige Datenaufbereitung, zu hohe drucktechnische Toleranzen sowie mangelnde Echtheiten der Druckfarben (z. B. Lichtechtheit, Lackierbarkeit) führten dazu, dass der Mehrfarbendruck in allen Druckverfahren bis ca. 2007 ein Nischendasein fristete.

Der Durchbruch des Mehrfarbendrucks ist in erster Linie der Verbesserung der Softwareprodukte in Bezug auf Schnelligkeit und Farbgenauigkeit (Proof-Fähigkeit) samt deren dezentralen Einbindungsmöglichkeiten in vorhandene Workflow-Systeme zu verdanken. Verbesserungen in der Druckmaschinentechnik – insbesondere bei der Registergenauigkeit und der Inline-Farbregelung – sowie die Verfügbarkeit mehrfarbenfähiger Druckfarbensätze und Bildschirme mit großem Farbumfang (engl. Wide-Gamut-Displays) kommen ergänzend dazu.

Welche grundsätzlichen Überlegungen muss ein Verpackungsdrucker anstellen, wenn er bei sich im Unternehmen den Mehrfarbendruck einführen möchte? Mit welchen Kosten muss der Drucker rechnen?

Dr. Kraushaar: Wichtig ist das Verständnis der Kundenanforderungen. In erster Linie werden die Verpackungsdrucker von weitgehend standardisierten Bedruckstoffen profitieren. Dazu zählen Faltschachtelhersteller, Getränkeverpacker oder Etikettendrucker. Die Einführung des Mehrfarbendrucks hängt mit einer Vielzahl an Fragen zusammen, deren ordentliche Beantwortung den Rahmen dieses Interviews sprengen würde. Hinsichtlich der Kosten verweise ich gerne auf die Anwender, die eine Umstellung bzw. einen Parallelbetrieb realisiert haben. Hier empfehle ich die Bestellung der Vortragsunterlagen vom letzten Fogra-Farbmanagement-Symposium. Fogra-Mitglieder bekommen diese kostenlos.

Gibt es Konstellationen, bei denen Sie einem Drucker von einer Implementierung abraten würden?

Dr. Kraushaar: Das ergibt sich teilweise sehr rasch, beispielsweise wenn Sonderfarben reproduziert werden sollen, die im 7C-Druck nicht mit der geforderten Farbgenauigkeit nachgestellt werden können. Ein weiterer Fall ist die Forderung des Einkäufers, die Volltonfläche nicht aufzurastern.

Welche der konventionellen Druckverfahren sowie der Digitaldrucktechnologien sind besonders für den Mehrfarbendruck geeignet?

Dr. Kraushaar: Im Prinzip sind alle gleich gut geeignet, wobei der Inkjet-Druck technologisch einen kleinen Vorteil hat.

Können Sie die Voraussetzungen nennen, um ein durchgängiges Farbmanagement im Multicolordruck zu gewährleisten? Welche Stolpersteine und Besonderheiten erwarten den Anwender entlang der Wertschöpfungskette „Verpackungsdruck“?

Dr. Kraushaar: Die Stolpersteine erkennt man beim Durchgang durch die Prozesskette. Es beginnt mit der fehlenden Farbvorhersagbarkeit von Mehrfarbendaten in den Erstellungsprogrammen, es geht weiter mit der mangelnden Unterstützung und reicht bis hin zu fehlenden Standards, wobei die Fogra mit Fogra 55 und einem dazu passenden Forschungsvorhaben plant, diese Stolpersteine aus dem Weg zu räumen.

Wie verändert sich die Farbkommunikation entlang der Wertschöpfungskette „Verpackungsdruck“, wenn mit einer erweiterten Palette an Farben gearbeitet wird?

Dr. Kraushaar: Ich erwarte, wenn man die richtigen Werkzeuge und Arbeitsmittel verwendet, in zwei bis vier Jahren weitgehend, dass die gleiche Vorhersagbarkeit wie im CMYK-Bereich erreicht sein wird. Das wird aber, wie im CMYK-Bereich auch, nicht von alleine passieren – Druckeinkäufer müssen es fordern und Druckdienstleister müssen es können bzw. auch wollen.

Mit Multicolor ShootOut 2018 organisiert die Fogra nach eigenen Angaben den weltweit ersten Multicolor-Vergleichstest. Können Sie unseren Lesern erläutern, was genau das Ziel dieses ShootOut ist?

Dr. Kraushaar: Wir wollen, vergleichbar mit den erfolgreichen ECI/bvdm Proof-ShootOuts, zeigen, was die aktuellen Lösungen der relevanten Hersteller zu leisten imstande sind. Dabei gibt es fünf Prüfpunkte, nämlich 7C-Charakterisierung (Profilerstellung), Prüfdruckerstellung (auf Basis eines 7C-Drucks), Spektrale Vorhersage (von Übereinanderdrucken und Sonderfarben-Tonwerten auf Basis weniger Farben), Separation von AdobeRGB-Bildern und Separation von Sonderfarben. Alle interessierten Anwender können kostenlos bei der Präsentation der Ergebnisse im Rahmen des Farbmanagement Cafés am 4.10.2018 in der Fogra dabei sein.

Die Fogra hat einen Forschungsantrag gestellt, der die professionelle Farbkommunikation für erweiterte Farbumfänge im Mehrfarbendruck untersuchen soll. Welche Problemschwerpunkte sind Forschungsgegenstand dieses Projekts?

Dr. Kraushaar: Wie bereits angedeutet, wollen wir drei wesentliche Stolpersteine in der professionellen Farbkommunikation aus dem Weg räumen. Diese sind zum einen die fehlenden Werkzeuge bzw. Anleitungen auf Basis vorhandener praxistypischer Softwareprogramme für die Retusche und die Datenaufbereitung; zum zweiten die mangelhafte Farbtreue bei der Visualisierung am Bildschirm (Softproof) und am Prüfdruck (Hardproof) und letztlich die fehlenden Standards für den Austausch von Mehrfarbendruckdaten. [6172]